| Mai 2002 - Tour de Hessen
Rhein, Lahn, Neckar, Edersee... |
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Samstag, 4.5.2002 - Mainz bis Bingen,
43 km Also jetzt erstmal durch Mainz hindurch. Die Richtung ist klar - es geht zum Rhein! Stadtverkehr, Fahrradwege, die Orientierung fällt nicht schwer, immer leicht bergab, das wird dann schon stimmen. Endlich der Fluss! Hier ist der Rhein eine Wasserstrasse, mit Betonung auf dem Wort Strasse. Tiefliegende Schleppkähne ziehen vorbei, einer nach dem anderen in 100 Meter Abstand, dazwischen Ausflugsschiffe und kleinere Yachten und die Wasserschutzpolizei die nach dem Rechten sieht, dieses Bild wird mich jetzt zwei Tage begleiten. Unten an der Uferpromenade ist der ausgeschilderte Radweg mit einem Flohmarkt zugebaut und man betrachtet mich recht verwundert wie ich mir da meinen Weg durch die Marktstände bahne. Aber das alles ist ja nur eine Frage von ein paar Metern, dann ein Radwegweiser: Bingen. Genau da will ich hin! Flussabwärts also… (diesmal aber nicht "vers la mers"!) Erst mal halt durch die nicht so idyllischen
Seiten einer Agglomeration wie hier im Rhein-Main-Gebiet. Weiträumige
Hafenanlagen, Ausfallstrassen mit allerhand Industrieansiedlungen, Kühltürme,
Lagerhäuser, Ladekräne… Es bleibt immer noch trocken aber es ist sehr
kalt, was mich die Handschuhe und teilweise auch die Wintermütze anziehen
lässt. Ich fahre linksrheinisch durch eine weiträumige, ebene Landschaft,
Obstgärten wechseln sich mit gelb-leuchtenden Rapsfeldern ab und immer
wieder rolle ich am Rande kleiner Auwälder entlang. Eine Schar Störche
kreist über mir, Falken rütteln über Feldern, Kormorane streben eilig
ihrem Nistplatz zu und einmal meine ich sogar einen Fischadler zu erkennen.
Das Delite schnurrt vor sich hin, ich hab mich schon fast an die Zuladung
gewöhnt. Ich weiss dass ich sie nach ein paar Tagen gar nicht mehr registrieren
werde. Es ist erst kurz nach drei aber ich werde langsam müde. Soll ich
schon ein Zimmer suchen? Eigentlich will ich ja noch bis nach Bacharach,
aber der Wind frischt auf und bläst mir entgegen und als sich jetzt doch
noch eine Regenfront nähert, wird er auch noch böig. Ungemütlich, Brrrr…
Bingen ist jetzt erreicht und ich entscheide mich für ein Etappenende. Diese Reise wird eine Reise der "wahrgenommenen Gelegenheiten" werden, das heisst ich werde darauf vertrauen, dass zum richtigen Zeitpunkt die richtige Übernachtungsmöglichkeit, das passende Wetter, etc. da sein werden. Es wird erstaunlich gut funktionieren und der Reise eine spirituelle Note geben. Hier in Bingen ist das erste Hotel gleichzeitig
eine Konditorei und ich begebe mich nach dem Einchecken zu einem Kaffeekränzchen
ins Café. Abends sitze ich zuerst in einem italienischen Restaurant bei
Lasagne und Pinot Grigio und versuche in mich hinein zu hören, was das
alleine Unterwegs-Sein jetzt für mich bedeutet. Ich finde keine negativen
Stimmen oder Antworten... Später laufe ich noch mit voller Regenmontur
durch die Altstadtgassen. Auf einem Platz hat man eine Bühne aufgebaut
und ist mit dem Soundcheck für ein abendliches Konzert beschäftigt. Ich
traue meinen Augen kaum als Wolf Maahn höchstpersönlich drei oder vier
Liedchen anspielt… Deine Küsse…100000 Meilen…Wir sind Deserteure…Ein verregnetes
Open Air mit Wolf Maahn! Leider spielen die Jungs erst spät nachts und
das schaffe ich leider nicht mehr… Regnen tut's in Strömen. Der Fluss macht einen Knick nach Norden. Sein
Tal wird recht eng, es bleibt wenig Platz. Alles ist Verkehrsweg: links
und rechts des Flusses grosse Autostrassen und Eisenbahnlinien, der Rhein
selber fungiert zudem ebenfalls als Verkehrsachse. Seltsamerweise findet
sich doch noch Platz für einen Radweg. Zwar pedaliere ich oft auf dem
Radstreifen neben der Bundesstrasse, jedoch geht es manchmal auch auf
Damm- und Wirtschaftswegen direkt am Ufer entlang. Es ist sehr ruhig zu
dieser Uhrzeit und diesem Wetter, der Strassenverkehr hält sich in Grenzen
und es ist nicht so laut wie ich es mir ausgemalt habe. Jetzt endlich
gleite ich also durch DAS Rheintal! Der Binger Mäuseturm, die Engelsburg,
die Loreley und Burg Katz… klassisches Reiseland für die Künstler der
Romantik. Und sogar heutzutage übt es noch eine mystisch-romantische Wirkung
aus, gerade an einem wolkenverhangenen Tag wie heute. Wo sonst könnte
die Nibelungensage handeln als hier? Die dunkelgrauen, fast schwarz wirkenden
Felsen, die vor Nässe triefenden Wälder, die tiefziehenden Wolken - Siegfried
badet im Drachenblut... Nach Boppard weitet sich das Tal etwas und die Hügel beidseits des Flusses sind nicht mehr so hoch, die interessanteste Passage ist durchfahren. Nun muss ich bald über den Fluss um in das Lahntal "einsteigen" zu können. Kurz vor Koblenz, gegenüber von Lahnstein gibt es eine Fähre. Die fährt zwar täglich, kommt aber nur auf Bestellung. Eine Telefonnummer steht an der Informationstafel, doch was nutzt das wenn man kein Mobiltelefon bei sich hat und weit und breit keine Telefonzelle in Sicht ist. Während ich mir gerade darüber klar zu werden versuche, ob ich jetzt eine Telefonzelle suchen gehe oder lieber noch die paar Kilometer bis Koblenz mache und dort die Brücke nehme, erscheint ein zweiter Radler - und der besitzt auch kein Handy… Der "Neuankömmling" entpuppt sich als Schweizer aus dem Zürcher Umland, der von Nancy bis Bremerhaven unterwegs ist. Wir beschliessen die Fähre abzuwarten und Reinhard, mein neuer Bekannter, sucht eine Telefonzelle. Die Fähre kommt und drüben in Lahnstein gibt es noch ein kleines Schwätzchen inkl. Informationsaustausch, wobei ich Reinhard zum Edersee einlade (Er kommt dann auch kurz vorbei). Aber nach ein paar Minuten trennen sich unsere Wege wieder: meine Tagesetappe neigt sich dem Ende zu während seine soeben erst begonnen hat. Hier in Lahnstein beginnt der Lahntalradweg,
mein Begleiter für die nächsten Tage. Weg vom Rhein ist es gleich viel
ruhiger, die Landschaft ist irgendwie intimer, idyllischer. Ich lasse
mich noch bis Bad Ems treiben und finde etwas ausserhalb auf einer Anhöhe
eine kleine Pension. Doch langsam wird das Tal enger und ich muss
immer wieder mal fast bis zum Hochplateau hochklettern. Irgendwann finde
ich mich auf dem Parkplatz des Klosters Augstein wieder und geniesse beim
Verschnaufen den weiten Blick über die Landschaft. Bei Laurenburg geht
unten im Flusstal dann gar nichts mehr weiter und ich muss mich wohl oder
übel über den Berg arbeiten, finde wenigstens beim Aufsteigen eine Burg
inkl. Kiosk und eine halbwegs akzeptable Aussicht vor, bevor ich die letzten
Höhenmeter in Angriff nehme. Oben ein Hochplateau, gelbe Rapsfelder soweit
das Auge reicht. Dann ein Balanceakt auf einem schlammigen und steilen
Feldweg hinunter ins Lahntal. Die Lahn führt Hochwasser und tritt stellenweise
über die Ufer. Noch macht mir das rein gar nichts, obwohl der Radweg bedenklich
nah am Ufer entlang führt. Doch kurz vor dem Städtchen Diez ist es dann
soweit: der Weg ist weiträumig überflutet und ein steiler, bewaldeter
und teilweise felsiger Abhang lässt keine Alternative zu. Naja, dumm gelaufen,
dann versuche ich halt mein Glück barfuss mit hochgekrempelten Hosenbeinen.
Irgendwie geht das dann auch, mit vor Kälte bald gefühllosen Sohlen und
überraschend grossen Kraftaufwand stemme ich mich gegen die Fluten. Gottseidank
ist es nicht mehr als knietief und nach einer halben Stunde ist es überstanden.
Wenigstens ist das Rad jetzt wieder mal saubergewaschen… In Diez erstehe ich etwas Proviant und genehmige mir einen Kaffee. Bei der Weiterfahrt passiert etwas Wunderbares: ich sehe meinen eigenen Schatten seitlich voraus - die Sonne findet das erste Mal auf dieser Reise ihren Weg durch die Wolken! Limburg grüsst schon von weitem mit dem Dom und nach Umfahrung einer überfluteten Stelle finde ich mich in der Altstadt wieder und fülle an einem Kirmesstand meine Wasserflasche auf. Ich mache mir langsam Gedanken wegen des Hochwassers, denn ein Blick auf die Landkarte zeigt eine sehr fluss-nahe Routenführung. Die nächsten paar Kilometer habe ich jedoch Landstrasse vor mir. Während ich so vor mich hingleite und mir Strecken-Alternativen durch den Kopf gehen lasse, fällt mir gar nicht auf, dass die Wolken schon wieder tiefer ziehen. Erst als es zu tröpfeln beginnt wache ich auf. Was? Jetzt nochmals Regen? Dabei bin ich doch schon innerlich auf Wetterbesserung eingestellt! Aber es schaut nicht nach kurzem Schauer aus, im Gegenteil, es regnet sich allmählich ein, man kennt das ja. Also wieder rein in die Regenklamotten, diesmal ziehe ich mir sogar die Gamaschen über die Schuhe. Bei Villmar muss ich wieder rauf auf's Plateau und folge einer Landstrasse im beständigen Auf und Ab. Genervt durch das Spritzwasser der überholenden Autos begrüsse ich den ins Lahntal weisenden Radwegweiser und nehme ihn mit Freuden wahr. Steil führt eine Schotterpiste in den Talgrund indes kommt unten nach gut ein einhalb Kilometern das Aus: wieder steht der Weg unter Wasser und diesmal scheint es sich um mehr als Knietiefe zu handeln… Irgendwie ist das der moralische Tiefpunkt des Tages und - im Nachhinein gesehen sogar der ganzen Reise - ich schiebe das Rad die Schotterpiste rauf auf den Berg, an ein Fahren ist angesichts des losen Untergrunds hier sowieso nicht zu denken. Kurz vor der Einmündung in die Landstrasse hat ein Bauer im Hof seines Anwesens einen Kühlschrank mit Getränken zur Selbstbedienung aufgestellt und nach dem Genuss einer Apfelschorle sieht alles wieder ganz anders aus. Also weiter auf der Verkehrsstrasse! Nach ein paar Kilometern grüsst im Ort Aumenau ein Hotel von der anderen Lahnseite herüber - geklingelt, nachgefragt, eingecheckt, ausgeruht, Wunden geleckt… Ach ja: erwähnenswert an diesem Tag ist die
Ruhe entlang des Flusses. Gerade im Vergleich zum lauten, geschäftigen
Rheintal ein höchst willkommener Kontrast. Genauso willkommen auch der
Tagesabschluss hier im gutbürgerlichen Restaurant bei einer riesengrossen
Portion Pfeffersteak mit Kroketten und Rotwein aus Frongreisch…Und
etwas später singt mich der im unten im Saal übende Männergesangsverein
in den wohlverdienten Schlaf! Der Blick aus dem Fenster zeigt eine nebelverhangene
Landschaft, einen immer noch sehr hohen Pegelstand der Lahn und leider
relativ tiefe Temperaturen. Dafür regnet es nicht mehr - immerhin! In
der Annahme dass der Fluss bis Weilburg überflutet sein wird, (was er
definitiv auch ist, denn hier schneidet sich die Lahn wieder mal durch
einen engen Talabschnitt) entscheide ich mich für die Landstrasse und
strample wieder den Berg hinauf und dann Hügel auf, Hügel ab voran. Für
diese ersten 13 Tageskilometer brauche ich über zwei Stunden. In Weilburg
dann auch noch mal von Lahn-Niveau bis rauf in die verkehrsreiche Altstadt
um anschliessend die nächsten 10 Kilometer auf einer Ausfallstrasse mit
erheblichem LKW-Verkehr konfrontiert zu werden. Irgendwie reicht's mir
dann für's erste und ich gönne mir eine kleine Kaffeepause in der Bar
eines Squash-Centers. Wenigstens kommt jetzt mal die Sonne durch, obwohl das an den frischen Temperaturen noch nichts ändert, ich kann die Handschuhe immer noch nicht ausziehen. Dafür gibt's ab jetzt Gegenwind. Ich hake ziemlich apathisch meine Kilometer ab, die Routenführung ist in diesem Bereich sowieso recht langweilig und führt entlang einer lauten Kraftfahrstrasse. In Wetzlar lasse ich mir ein Eis in der Altstadt schmecken und das geschäftige Treiben auf mich wirken, kann mich aber nicht dazu entschliessen das alles mit dem Fotoapparat festzuhalten. Dummerweise verirre ich mich dann auch noch am Bahnhof und verursache beinahe einen Verkehrsunfall, weil ich bei dunkelorange noch über eine Ampel fahre und die "Anderen" schon mit dem Fuss auf dem Gaspedal stehen und bei Grün gleich losschiessen… An einem Baggersee bei Heuchelheim heuchle ich nicht etwa gute Laune, sondern akzeptiere mein Energietief und pausiere für ein Weilchen. Weiter! Rechts der Damm der Autobahn, links eine Teichlandschaft, dahinter die Lahn, gerade voraus wieder mal Hochwasser. Zweimal kann ich an der Seite vorbeifahren, beim dritten Mal gibt es kein Entkommen: entweder durchqueren oder umkehren und weiträumig umfahren. Ich entscheide mich für "entweder durchqueren", ziehe die Socken aus, schlüpfe barfuss in die Schuhe und kremple wieder mal die Hosen hoch. Gar nicht so einfach, ein Fahrrad durch knietiefes Wasser zu treten. Ich bin froh um die wasserdichten Packtaschen. Zwar bin ich nach fünf Minuten durch, aber meine "guten" Schuhe sind nass. Naja, halt das zweite Paar anziehen… Irgendwie reicht es mir für heute, ich
schleppe mich noch ein Stündchen dahin. Vollbringe zuletzt noch ein persönliches
Bravourstück indem ich die Lahn auf einer dieser gehassten Eisenbahnbrücken
überquere ohne einen Höhenangst-Panikanfall zu bekommen (…klopfe mir dabei
innerlich auf die Schulter…) und checke im ersten Hotel ein - der heutigen
Tagesstimmung entsprechend absolut feudal im Mühlenhof in Lollar. Bin
hier anscheinend ganz besonders willkommen, denn die Empfangsdame geleitet
mich selber zum Zimmer und die Hotelbesitzerin und Wirtin bedient mich
beim Abendessen persönlich. Ich frage mich ob ich heute wohl einen besonders
Mitleid erweckenden Eindruck mache. Kann diese Frage aber nicht mit "ja"
beantworten, denn die Stimmung ist am Ende dieses Tages hervorragend! Ganz unspektakulär nehme ich dann Abschied
von der Lahn, lasse die durchstreiften Gegenden noch mal an mir vorüberziehen
und freue mich über eine ausgeschilderte Verbindungsstrecke zur Eder.
Im nächsten Städtchen, in Wetter (Nomen est Omen?) liegt ein griechisches
Restaurant just am Wegesrand. Zeit für eine Pause. Nach vier einhalb Tagen
Flusstal-Fahren bekommt man sowas wie eine Flusstal-Paranoia, deswegen
geniesse ich nun die querbeet über's Land geführte Strecke. Man sieht
auf einmal wieder nach allen Richtungen weit und nicht nur nach vorne
oder hinten. Ich folge nun bis zum Städtchen Frankenberg einer Route die
mit allen Tricks und Umwegen eine Konfrontation mit der Bundesstrasse
vermeiden will - was ihr auch gelingt. Freilich geht's dabei im Zickzack
durch die Dörfer und über steile und jetzt nach dem Regen morastige Waldwege.
Nachdem ich mich bis Frankenberg durchge"forstet" habe und finde ich einen
"Ederauen-Weg" vor, einen Radweg im Tal der Eder entlang. Nochmals eine
willkommene Überraschung, ich hatte mich nämlich schon auf eine Fahrt
auf der Bundesstrasse eingestellt, um die letzten Kilometer bis zum Edersee
noch zu bewältigen. Ganz ohne Hindernisse geht es natürlich auch hier
nicht ab: kurz vor Herzhausen kommt mir eine Schafherde auf dem Radweg
entgegen. Um fünf erreiche ich dann den Campingplatz in Herzhausen und
finde schon drei "bikefreaks" vor. Es folgen ein paar Tage voller interessanter
Begegnungen und Gespräche… Ich fahre die selbe Strecke Richtung Frankenberg
zurück, nehme auch von Frankenberg aus die gleiche Route zurück zur Lahn.
Um drei Uhr bin ich durchnässt und wünsche mir ein warmes, trockenes Zimmer.
Ich frage wieder mal im ersten Hotel nach, doch hier wird gerade nichts
vermietet. Die Wirtin greift aber zum Telefon und reserviert mir ein Zimmer
im nächsten Städtchen, dem Ort mit dem griechischen Restaurant auf der
Hinfahrt: Wetter! Es ist wieder mal neblig, der heutige Morgen beschert mir jedoch milde Temperaturen (fast ohne Handschuhe) und die ersten zwei Stunden läuft es heute wirklich wie geschmiert. Die paar Kilometer zurück ins Lahntal kenne ich ja schon, aber dann biege ich in den hessischen Radfernweg "R2" ein, der mich weiterhin auf asphaltierten und brettl-ebenen Wirtschaftswegen gut Strecke machen lässt. Allerdings verliere ich mich hinter dem Städtchen Kirchhain wieder auf verdreckten Feldwegen und werde im Zickzack-Kurs weitergeführt. Immerhin ist die sehenswerte Ansicht der Amöneburg andauernd präsent. In Homburg kehre ich zur Mittagspause in einen
Gasthof ein, 11:30 Uhr, mit 45 Tageskilometern auf dem Tacho und einen
mordsmässigen Hunger im Bauch. Als ich wieder auf's Velo steige fängt
es gerade wieder zu regnen an. Die nächsten 30 Kilometer pedaliere ich
bei Dauerregen durch eine sehr hügelige Landschaft um das Niddatal zu
erreichen. Da sind viele "verschenkte" Höhenmeter drin, Hügel auf, Hügel
ab, wie gewonnen, so zerronnen. Ausserdem mache ich die Erfahrung, dass
sogar Goretex-Regenklamotten eine begrenzte Leistungsfähigkeit haben:
nach gut einer Stunde Dauerregen geht's nass durch die Jacke durch. Aber
es macht mir nichts aus, ich hab trockene Füsse und bin rundum warm und
durch regentriefende Buchenwälder zu fahren hat auch eine besondere Qualität!
Es ist als ob sich der Wald unter die Dusche gestellt hätte und diese
Prozedur ganz besonders geniessen würde. Getreu meiner Maxime, dass zum richtigen
Zeitpunkt die passende Übernachtungsmöglichkeit bereit stehen wird, checke
ich um 16:30 im Landgasthof Appel in Betzenrod ein. Von der Restaurant-Terasse
aus hat man einen wunderbaren Blick hinunter ins Niddatal. Ich befinde
mich gerade an der Schnittstelle zum hessischen Fernradweg Nord-Süd "Von
Dornröschen bis zu den Nibelungen", dem ich nun bis ins Neckartal folgen
werde. Das nasse Zelt darf jetzt endlich mal aus dem Packsack und kann,
im Zimmer ausgebreitet, abtrocknen. Über 60 km kann ich flach und ohne grossen
Kraftaufwand dahingleiten, dann nähere ich mich, mittlerweile im Sonnenschein
und mit kurzen Hosen (ohne Handschuhe!) dem Ballungsgebiet rund um Frankfurt
am Main. Bevor ich den Main erreiche erklimme ich noch einen kleinen Höhenzug
und kann vom Gipfel aus die Frankfurter Skyline in der Ferne erkennen.
Nachdem mich eine Fähre über den Main gebracht hat rolle ich schnurstracks
nach Süden, komme durch Städtchen wie Mühlheim oder Bieber und verfehle
wegen einer Umleitung den richtigen Weg. Das
macht aber gar nichts, denn in Obertshausen wartet schon das Parkhotel
auf mich… Nach Gross-Umstadt ist das flache Land dann zu Ende und der Odenwald ruft. Das bedeutet für mich: rauf auf den Otzberg! Oben wird's dann die Veste Otzberg und drumherum eine Ortschaft namens "Hering" geben (…ach, da kommt der beliebte Speisefisch her…) aber noch bin ich nicht soweit. Der Anstieg ist nämlich wieder mal so steil, dass ich absteige und schiebe und alle 50 Meter eine Pause mache. Wenigstens ist der Wind diesmal nicht gegen mich und hilft von hinten ein bisschen nach. Weit kann der Blick dann rückwärts über die Ebene schweifen und das entschädigt für die Mühen des Aufstiegs. Gleichzeitig mit der Abfahrt auf der
anderen Seite des Berges tauche ich auch in eine andere Welt ein: der
Odenwald zeigt sich mit bewaldeten Höhenzügen, Talgründen mit Weiden und
Löwenzahnwiesen. Ich folge dem engen Mümlingtal nach Süden, kann diese
Idylle aber gar nicht recht geniessen, den jetzt hat der Wind auf einmal
doch wieder was gegen mich und bläst mir forsch entgegen. So schleppe
ich mich halt noch bis Michelstadt, der "Perle des Odenwaldes". Auf mich
wartet das Hotel "Der grüne Baum" und offeriert mir für 24 Euro ein winziges
Zimmer, was den Preis meiner gestrigen Residenz wieder etwas ausgleicht… Um acht Uhr ist das aber alles schon Vergangenheit, ich rolle aus dem Städtchen, fädle mich wieder in meinen Radweg ein und düse nach Süden. Die ersten 12 Kilometer werden heute recht anstrengend, ich muss die letzten Barrieren des Odenwaldes vor dem Neckartal überwinden. Es gibt natürlich eine Strasse die steigungsarm im Talgrund verläuft - die vielbefahrene Bundesstrasse, die mich gestern auf den letzten Kilometern bis Michelstadt schon genervt hat. Dann doch lieber der im Routenführer beschriebenen Wegführung über die Hügel folgen. Zwei mal muss ich vom Talboden bis hinauf zu den Gipfeln kurbeln, einige Passagen schaffe ich nur schiebenderweise. Immer wieder ein eindrucksvoller Panoramablick über den Odenwald. Es ist wolkig und die Sonne zaubert ein Schachbrettmuster aus Licht und Schatten über den Mischwald und die Wiesen - es ist Sommer geworden! Um 11 Uhr ist's überstanden und ich wechsle ins Finkenbachtal, dem ich die letzten 15 km bis nach Hirschhorn im Neckartal folge. Flott geht's hier bergab, die Wasserscheide zwischen Neckar und Main ist wohl entgültig überwunden. Kurz vor 12 Uhr bekomme ich in einem Strassenrestaurant in der Hirschhorner Altstadt schon eine Gulaschsuppe mit Weckeli serviert. Mein Begleiter heisst ab jetzt Neckar. Ich befinde mich wieder in bekanntem Radlerrevier - man merkt's an den "Radler willkommen!"-Schildchen an Hotel- und Pensionseingängen und an beladenen Velos vor Restaurants und Cafés. Auch unterwegs begegnen mir jetzt wieder "Bepackte"… Auch hier heisst die Landschaft noch Odenwald
der Fluss musste sich Bahn durch ein enges Tal brechen. Gleich einer offenen
Wunde tritt roter Sandstein aus dem Wald hervor - wieso hab ich bei Flüssen
immer das Gefühl, dass sie von uns vergewaltigt, geschändet und missbraucht
werden? Der Neckar ist ebenfalls eine Verkehrsstrasse, Lastkähne und Ausflugsdampfer
auch hier. Doch der Radweg neben dem Fluss macht Laune: immer in Flussnähe
unter einem Blätterdach entlang, meist asphaltiert und eben. Da kommt
man voran! Hie und da wachsen aus den Wäldern Burgen und Schlösser empor.
Schloss Zwingenberg zum Beispiel. Der Fährmann erzählt mir dass Carl Maria
von Weber dort zum Freischütz inspiriert worden sein soll, die Wolfsschlucht
sei gleich in der Nähe! Ja, der Fährmann, hier muss ich nämlich
wieder mal über den Fluss setzen. Langsam werde ich müde, fülle mir zwar
in einem Supermarkt nochmal Proviant nach, aber es ist nicht zu leugnen
dass ich - obwohl es erst 14:30 ist - für heute eigentlich genug habe.
Ich weiss nicht so recht, will noch nicht aufhören. Es zieht sich noch
eine Weile so dahin. Ich sehe Burg Hornberg am Horizont auftauchen und
auf der anderen Flussseite vorüberziehen, arbeite noch ein paar Höhenmeter
ab, bevor ich im Hotel "Zum Lamm" in Gundelsheim Quartier finde. Schönes
kleines Fachwerkstädtchen, durch herum rasende Halbstarke auf Mopeds recht
laut. Ach ja, unterwegs hab ich einen Grünspecht gesehen. Der Wirt im
Hotel weiss auch was er für Preise verlangen muss: 20 Euro zahle ich für
ein Pfeffersteak - das sind Zürcher Preise! Aber ich verspüre richtig
Heisshunger auf Fleisch! Soviel Fleisch wie auf Veloreisen verschlinge
ich sonst mein Lebtag nicht… Bad Wimpfen taucht vor mir auf, der Blaue Turm samt den Altstadthäusern thront majestätisch auf dem Berg. Seit ich bei einem Ferienjob mal die Bad Wimpfener Chronik abgetippt habe und dabei auch die Chronik der Türmer vom Blauen Turm las, hab ich einen Bezug zu dieser Stadt. Auf einer früheren Reise war ich schon mal oben und kann mich noch an den Blick über das Neckartal erinnern. Und auf einer imaginären Neckarreise ist Bad Wimpfen immer ein Höhepunkt gewesen. Heute lässt es mich kalt! Ich wähle den ruppigen Wiesenweg unten am Neckar entlang und mach mir so meine Gedanken, wie wir in unserer Fantasie manchmal Ort mystifizieren und wie ernüchternd manchmal die tatsächlich erlebte Realität ist. Ein Kernkraftwerk. Der Anblick des imposanten Kühlturmes mischt sich mit dem soeben erlebten Panorama der alten Stadt. Was mich aus meiner grüblerischen Laune reisst sind die Angler hier im Bannkreis des Kraftwerks, die so tun als ob das hier die Idylle schlechthin wäre, irgendwie amüsiert mich das. Heilbronn ist nicht weit, ich kann stur auf
dem Radweg bleiben, werde an der Altstadt vorbeigeleitet, alles ganz angenehm,
problemlos. Hinter Heilbronn prägt der Weinbau die Landschaft am Fluss.
Der Erde ist hier nicht mehr so rot wie in der Gegend von Hirschhorn,
eher lehmig braun. So sehen auch die Weinberge aus in die mich der ausgeschilderte
Radweg führt - wohl damit ich heute mein für mich bestimmtes Quantum an
Höhenmetern in Empfang nehmen kann, verbunden natürlich mit der dazugehörigen
Aussicht. Sommerlich heiss ist es geworden, kaum zu glauben dass zwischen
der kalten Rheinreise und dem heutigen Sommertag noch nicht mal zwei Wochen
liegen. In Lauffen wird ausgiebig pausiert, nach ein paar Schleifen unten
am Neckar dann ein Erdbeer-Eis in Besigheim degutiert. Überall auf den
letzten Kilometern war ziemlich viel Polizei-Aufgebot zu sehen, Helikopter,
Bereitschaftsfahrzeuge, Uniformierte. Ein Atommülltransport, erklärt mir
der Wirt im Besigheimer Eiscafé. Nun, denn… Wie weit schaffe ich's heute wohl noch? Bis Marbach, der Schillerstadt (wie mir mein Reiseführer erklärt). Das erste Hotel ist der Schillerhof, direkt am Marktplatz, ich beziehe ein Doppelzimmer. Unten drin ist eine Metzgerei, was ich erst nach dem Einchecken realisiere (der Geruch von Fett zieht sich durch's ganze Haus) und ein griechisches Restaurant. Nach der Siesta streife ich durch die Gassen dieser Stadt und entscheide mich, die Reise zu beenden. Morgen fahre ich noch bis Stuttgart und dann nach Hause, rechtzeitig vor dem Eintreffen der Schlechtwetterfront, ich mag nämlich nicht nochmals nass werden. Mein Abendessen nehme ich im griechischen Restaurant zu mir, ich sitze auf dem Marktplatz, esse Gyros und trinke - welch ein Sakrileg - nicht etwa einen der einheimischen Weine, sondern wunderbar geharzten Retsina!!! Mitten auf dem Marktplatz gibt es einen Brunnen, auf einem Sockel mit mehreren Treppenstufen stehend. Um diesen Brunnen herum führt eine Gruppe Kinder eine Art Radrennen auf, sie fegen mit einem Affenzahn um den Brunnen herum. Mit einem lauten Knall schrecke ich vom Tagebuchschreiben auf und bekomme gerade noch mit, wie eines der Kinder weinend am Boden liegt und sich den Kopf hält. Neben ihm liegt sein Fahrrad mit zerbrochener Gabel. Ist wohl nichts passiert, denn Minuten später geht die wilde Jagd weiter… Aber ich bin für einen Augenblick dankbar dass diese Reise für mich selber unfallfrei vonstatten ging. Und während ich noch meine Gedanken
zu Papier bringe, setzt sich eine elegante Frau, etwa in meinem Alter,
an den Nachbartisch. Während der Episode mit den Kindern kreuzen sich
unsere Blicke, wir lächeln uns an und ich bin neugierig, mit welch tollem
Schlitten ihr Begleiter gleich ankommen wird. Aber nichts dergleichen
geschieht: als ich zahle und meine Sachen nach oben tragen will, lädt
sie mich ein den Abend mit ihr und ihrer Freundin zu verbringen, die gleich
ankommen wird. Und das tue ich dann auch. Es wird eine der anregendsten
Unterhaltungen, die ich seit langem hatte, über gescheiterte Beziehungen
und Neuanfänge, über Zukunftsvisionen und Träume. Und irgendwann wird
dann alles irreal, wie ich da mit diesen beiden schönen Frauen, die ich
nie mehr in meinem Leben sehen werde, an diesem nun vom Mondlicht und
den Sternen beschienenen Marktplatz sitze, inzwischen wieder völlig nüchtern
vom Alkohol, doch trunken von der Atmosphäre, die Reiseerlebnisse vor
meinem inneren Auge vorübergleiten lasse… Noch einmal ein taufrischer Morgen, die Bläue der Hügel am Horizont, die vielen Farbtöne eines Frühsommertages! Leicht und schwerelos fallen mir diese letzten zwei, drei Fahrstunden dieser Reise. Bald bin ich im Einzugsgebiet Stuttgarts, dann im Stadtzentrum, dann auf der Zielgerade zum Hauptbahnhof, stehe am Ticketschalter, lade mein Zeugs in die Regionalbahn nach Singen. Neben mir sitzen zwei Männer im Abteil, jeder hat Auto-Nummernschilder dabei. Die Zwei fahren gerade nach Böblingen zu den Mercedes-Werken und holen sich ihre Neuen ab. So stolz und erwartungsfroh die beiden auch gegenseitig auftrumpfen, ich würde mein Velo nicht im Traum gegen ein Auto eintauschen… In Singen steige ich in den Zug nach Winterthur, dort in die S-Bahn nach Oerlikon, um 15 Uhr bin ich zuhause… Welch wunderbare Reise! |
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