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August/September
2004 -
Der grosse Nordbayern-Salto. Mit langem Bremsweg nach Westen...
Eine
Reise entlang der Flüsse Naab, Haidenaab, Main, Tauber, Altmühl
und Donau.
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Hier
kann man sich den Bericht ohne Fotos als PDF-File (137) downloaden
Ein zweiter Urlaub in diesem Jahr wäre an und für sich
eine feine Sache, da muss man gar nicht gross diskutieren. Unter
Einbezug meiner Kompensationstage gelingt es mir, nochmals zwei
zusammenhängende Wochen von meinem Abeitgeber zu ergattern.
Was
tun? Velofahren natürlich!
Wohin? Doch noch nach Lothringen und von dort bis hinauf an den
Ärmelkanal? Hm...
Als ich eines Tages mal wieder Ordnung in mein Bücherregal
bringe, fällt mein Blick auf all die blauen Bikeline-Radreiseführer
die ich nach meiner allerersten Radreise 1994 in einem Anfall von
(kaum aushaltbarem) Fernweh erstand: "Romantische Strasse",
"Altmühltal-Radweg", "Main-Radweg", "Fünf-Flüsse-Radweg",
"Oberpfälzer Radlspass", "Weser-Radweg",
etc
In den letzten zehn Jahren wurde zwar schon einiges davon
abgegrast, teilweise schon mehrmals gefahren, aber trotzdem bleibt
noch allerhand "zu tun".
Plötzlich ist die Idee da: mit dem Zug zu meiner Schwester
nach Regensburg fahren
die Naab nach Norden
eine Stippvisite
zu meinen Eltern
weiter nach Bayreuth...und dann
ich bringe
Strecke und vorhandene Zeit halbwegs in Relation und schon steht
das Konzept. Margrit hat leider nur mehr eine einzige Urlaubswoche
zur Verfügung, ich werde also die zweite Woche alleine unterwegs
sein.
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Samstag,
28. 8. 2004 - Anreise nach Regensburg
Wir
können in unseren "üblichen" Zügen nach
München und von dort weiter nach Regensburg die Velos mitnehmen.
Als wir heute morgen im Zürcher Hauptbahnhof ankommen, bin
ich froh, dass ich für die Räder Stellplätze reserviert
habe, denn im Nu ist das Veloabteil brechend voll. Der Zugchef ist
erst seit kurzem - nach einem anscheinend sehr erholsamen Urlaub
- wieder im Dienst und kalauert sich durch den Waggon, dass es eine
wahre Freude ist. Selten einen Bahnbeamten mit soviel Mutterwitz
erlebt! Die Minibar-Chaffeuse ist ebenfalls ein Original und steht
ihrem Kollegen in nichts nach. Dazu lacht die Sonne vom Himmel.
Fängt ja gut an...
In
München problemloses Umsteigen in den Regionalzug nach Regensburg
- für unsere beiden Räder steht ein ganzes Abteil zur
Verfügung. Es entsteht etwas Hektik, als eine Gruppe Rentnerinnen
(ich tippe auf den katholischen Frauenbund) völlig überfordert
mit ihren schweren Koffern, ziemlich schlecht gelaunt den Zug stürmt,
Platz fordert und sich weigert, das Gepäck auf die dafür
vorgesehene Ablage hieven zu lassen. So gibt es jedesmal ein Debakel,
als der Herr mit der Minibar vorbei möchte und die Damen dann
rangieren müssen. Wir flüchten ins Veloabteil, wo wir
uns zu unseren Rädern setzen.
In
Regensburg radeln wir schnurstracks zur Wohnung meiner Schwester.
Später am Abend versucht sich mein Schwager noch an einer Probefahrt
mit der Streetmachine. Er kommt auf Anhieb damit zurecht... Respekt!
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Sonntag,
29. 8. 2004 - Regensburg bis Oberviechtach, 103,5 km
Heute
übernimmt meine Nichte Miriam den Weckdienst und das ist gut
so, denn wir wollen früh raus und früh los. Schliesslich
steht uns eine lange Tagesetappe bis nach Oberviechtach, meinem
Heimatort, bevor. Nach dem Erledigen der "Abschiedsformalitäten"
rollen wir erstmal durch die sonntagmorgenstille Regensburger Altstadt
zur Steinernen Brücke, dem offiziellen Ausgangspunkt dieser
Reise.
Beweisfoto.
Sonnenschein.
Hinüber über die Donau und durch die Kopfsteinpflastergassen
des Regensburger Stadtteils Stadtamhof geholpert, dann ein paar
Kilometer die Donau gegen den Strich gebürstet, bis die Naabmündung
erreicht und bei Mariaort über die Naab gesetzt ist. Jetzt
sticht die Sonne vom Himmel, wir tun uns was mit Sonnenschutzfaktor
30 auf die Haut und radeln naabaufwärts auf dem gut ausgeschilderten
Radweg entlang. Vor ein paar Jahren haben wir diesem Fluss den Beinamen
"die Liebliche" oder "die Idyllische" gegeben.
Nicht anders empfinden wir es heute: kaum wahrnehmbare Strömung,
Seerosenfelder, die Ufer gesäumt mit Weiden und Bauernorchideen.
An diesem Sonntagmorgen ist es vor allen Dingen auch eines: still!
Während jeder von uns auf seine eigene Art und Weise mit der
Stimmung umgeht, Margrit auf der Suche nach Reihern, Haubentauchern
oder sonstigem Wassergeflügel, ich auf der Suche nach Perspektiven
und landschaftlich-topografischen Kompositionen zum Zeichnen oder
Fotografieren, erreichen wir Kallmünz. In diesem Städtchen
ist in den letzten vier Jahren erstaunlich viel restauriert und
renoviert worden. Das sowieso durch seine Lage am Fusse eines Jurafelsens
schon malerische Städchen wird wohl bald ein richtiges Kleinod
sein. Warum auch nicht, diese Region hier könnte den einen
oder anderen touristischen Anschub gut vertragen. Ich frage mich,
welche Rolle der Fahrradtourismus hierbei spielt. Denn seit man
auch in dieser Gegend Fernradwege ausschilderte, den Naabtalradweg
oder den Fünf-Flüsse-Radweg zum Beispiel, scheint dieser
Landstrich allmählich aus seinem Dornröschenschlaf zu
erwachen. Naja, das bilde ich mir mit meiner Radlmanie jedenfalls
ein, wahrscheinlich gibt's aber auch noch andere Gründe dafür.
Als der Vormittag voranschreitet, treffen wir jedoch recht viele
Radfahrer, von denen ein gewisser Prozentsatz auch mit Packtaschen
unterwegs ist, also mehr als einen Tagesausflug unternimmt.
Ich mag die Landschaft zwischen Kallmünz und Burglengenfeld:
die scharfen, schroffen Felsen des Oberpfälzer Jura auf den
Wacholderheiden, genauso wie ein paar Dutzend Kilometer weiter westlich
im Altmühltal. Es geht flott voran, leicht rollen die Laufräder
über den Asphalt
dreissig
vierzig
fünfzig
Kilometer. Getrübt wird das alles lediglich durch einen Wespenstich,
denn als ich mich nach einem Stop wieder in meinen Sitz lehne, zerdrücke
ich das unglückliche Tierchen, dass sich wohl an meinem Hemd
befand. Erschrecken tu ich gewaltig, aber das ist auch schon alles.
Wir kommen in Bubach an dem Gasthof vorbei, in dem ich schon zweimal
übernachtete. In Schwandorf gibt es dann Kaffee und Kuchen.
Ich muss Auskunft über das Liegerad geben und heitere dabei
wengstens eine missmutig dreinblickende Dame auf, als ich mit einem
Augenzwinkern erkläre, ich hätte heimlich einen Motor
eingebaut. Und natürlich auch einen Wecker, falls ich beim
Liegen einzuschlafen drohte...
Jetzt
schiebt uns der Wind voran, nach Norden, nach Norden... Tintenblaue
Gewitterwolken bauen sich in unserem Rücken auf. Sie verheissen
nichts Gutes, doch das Gewitter lässt uns unbehelligt und zieht
nach Osten ab, nur einige Regentropfen besprenkeln uns - Spatzenpisse,
wie einst eine Wirtin auf einer unserer Frankreich-Reisen diese
Art Niederschlag bezeichnete.
Um
nach Oberviechtach zu gelangen müssen wir hinter Schwarzenfeld
in das Tal der Schwarzach einbiegen, der Naab also den Rücken
kehren. Plötzlich kommt uns mein Vater mit dem Auto entgegen:
zuhause bei meinen Eltern ging nämlich vor einer Stunde ein
gewaltiger Platzregen nieder und er dachte, wir ersaufen auf offener
Strecke. Diese letzten dreissig Kilometer mit dem Auto zu fahren,
stellen (natürlich!) nicht wirklich eine Versuchung dar, ausserdem
bekäme mein Vater die Streetmachine erst gar nicht auf seinen,
auf Standard-Räder ausgerichteten, Dachträger montiert.
Selbst mit dem Rahmen von Margrits Delite gäbe es schon Schwierigkeiten.
So laden wir unser Gepäck in das Auto, behalten uns nur Regensachen
und Werkzeug zurück und radeln weiter.
Kilometer für Kilometer nähern wir uns meiner Heimat,
biegen irgendwann vom Schwarzach- ins Murachtal ein, wobei ich den
Kopf voller widersprüchlicher Gedanken und Emotionen habe.
Wie sich hier alles verändert! Die alte Bahnstrecke, längst
schon still gelegt, wird nun suksessive zum Radweg umgebaut. Ab
Pertolzhofen können wir auf dieser Trasse fahren, sie ist vor
ein paar Wochen erst eingeweiht worden. Leider hat man einen recht
groben Belag gewählt, der viel Energie raubt. Dadurch werden
diese letzten sieben Kilometer unerwartet anstrengend. Es regnet
wieder, als Burg Murach vor uns auftaucht, einer der geographischen
Eckpfeiler meiner Kindheit. Die Bahntrasse führt direkt an
meinem Elternhaus vorbei. Ich erinnere mich daran, wie ich als kleiner
Bub vor der Dampflokomotive Angst hatte, vor diesem fauchenden und
rauchenden Ungetüm, dass in den sechziger Jahren hier noch
seinen Dienst tat. Jetzt bin ich selber auf dieser Strecke unterwegs
und
bekomme dabei einen völlig anderen Blick auf meinen Heimatort
beziehungsweise auf/in die Anwesen der Nachbarschaft. Meine Eltern
erzählen von hektischen Aufräumaktionen in den Gärten
der Anrainer unmittelbar vor der Fertigstellung des Radweges...
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Montag,
30. 8. 2004 - Oberviechtach bis Weiherhammer, 64 km
Um
weiter nach Norden voran zu kommen, müssen wir wieder zurück
ins Naabtal radeln. Heute morgen scheint zwar die Sonne, aber der
Blick zum Himmel verheisst nicht Gutes, es wird wohl binnen kurzer
Zeit wieder eine geschlossene Wolkendecke und Regen geben. Auch
Barometer und Wetterbericht sind ähnlicher Meinung. Also gibt's
einen frühen Aufbruch, man kann uns den gestrigen Weg in umgekehrter
Richtung radeln sehen. Es wird uns erst jetzt bewusst, welche Steigungen
wir gestern am Schluss dieser langen Tagesetappe noch hinter uns
brachten: gut sieben Kilometer langgezogener Rampe. Schade, dass
dieser Belag so bremst, ich muss hier sogar bergab mittreten. Bei
Asphalt oder etwas glatterem, wassergebundenem Belag wäre das
eine wunderbare Rennbahn...
Die
Landschaft des Murachtales glitzert in der Morgensonne. Tautropfen
wie Diamanten. Bei Altendorf, schon im Schwarzachtal, gibt es für
mich eine Rechtfertigung oder einen Beweis für eine schon bald
dreissig Jahre zurückliegende Begebenheit: damals, als junger
Gymnasiast, war ich ornithologisch interessiert und ein begeisterter
Vogelkundler. Eines Tages sah ich einen Schwarzstorch auf einer
Wiese und erzählte diese Sensation am nächsten Tag meinem
Biologielehrer. Dieser (zugleich mein Sportlehrer und in Sport war
ich damals eine Niete) hielt mich für völlig verrückt
und wollte mir nicht glauben. Heute nun sehen wir zwei Schwarzstörche
auf einer Wiese auf Nahrungssuche! Es gibt keinen Zweifel. Margrit
ist Zeugin. Als ein Auto die beiden Vögel zum Auffliegen bringt
und wir das Flugbild sehen ist es sonnenklar. Eine späte Rache...
Ha!
Weiter gibt's viele Eichelhäher und eine Handvoll Kiebitze
zu beobachten. Doch mein Blick schweift immer öfter zum Firmament,
die Wolken werden dichter. Und nicht nur das, sie werden auch dunkler.
Kaum sind wir wieder im Naabtal angekommen, um an den gestrigen
Abzweigungspunkt anknüpfen, schon brauchen wir die Regenklamotten.
Wir radeln im Platzregen zwischen Fluss und Autobahn auf das Städtchen
Nabburg zu, dass links vor uns auf dem Hügel thront. Bevor
wir den Ort erreichen, zieht der Regenschauer wieder ab und die
Sicht wird besser, sodass ich die Stadtsilhouette fotografieren
kann. Eine Kaffeepause wäre jetzt eine wunderbare Angelegeheit,
aber dafür müssten wir hinauf in die Altstadt radeln und
auf diese Kletterpartie hat keiner von uns beiden rechte Lust. Hm
Also weiter. Auf einem trotz der Nässe gut befahrbaren Feldweg
radeln wir längs der Eisenbahngeleise nach Norden. Rechter
Hand grüssen die Türme der romanischen Basilika von Perschen
herüber, der Rest der Kirche bleibt hinter Büschen und
Bäumen verborgen. Dann
sind wir in dunklem Walde. Der Regen hat hier den Weg aufgeweicht,
sodass es kein Vergnügen ist, die Räder durch den Morast
zu balancieren. Immerhin haben wir diesmal nicht viel Gepäck
dabei, denn wir werden in Hotels übernachten. Die gesamte Campingausrüstung
ist also zuhause geblieben. Und das macht einiges aus.
Während
der erste Teil dieser Tagesetappe flach und eben war, beginnt nun
ein hügeliger Abschnitt. Die Hügel auf beiden Seiten des
Flusstales sind dicht und dunkel bewaldet. Plötzlich steht
uns eine starke Steigung bevor - so steil, dass an ein Hinauftreten
erst gar nicht zu denken ist. Doch wie heisst es so schön?
Wer sein Rad liebt, der schiebt? Soll ja den Muskelapparat lockern,
sagt man. Die Schiebestrecke ist jedoch lediglich zweihundert Meter
lang und schon geht's wieder auf zwei Rädern weiter.
Wernberg-Köblitz.
Hier kreuzen sich zwei grosse Verkehrsachsen, die B14 in Ost-West-Richtung
und die A93 von Norden nach Süden. Man baut hier wohl an einer
neuen Autobahnausfahrt, jedenfalls ist der Wald gerodet, die Erde
wird gebulldozert, es ist laut. In der Stadt selber finden wir endlich
ein Stehcafé in einer Bäckerei, die an einen Supermarkt
angeschlossen ist. Später
will die Autobahn nochmals überquert werden, dann versinken
wir erneut in den dunklen Wäldern ringsum. Auf kleinen Strässlein
pedalieren wir an Sumpfwiesen oder Fischteichen vorbei. Hier erfolgt
der Zusammenfluss von Waldnaab und Haidenaab. Erst nach der Vereinigung
der beiden Flüsschen heisst das daraus entstehende Gewässer
Naab und strebt nach Süden der Donau entgegen. Wir biegen an
dieser Stelle nach Nordwesten in den ausgeschilderten Haidenaab-Radweg
ein, der bis nach Bayreuth führt.
Der
kleine Fluss darf hier nach eigenem Gusto durch sein Tal mäandern.
Wir sehen viel wildwuchernde Vegetation, als wir am nördlichen
Talrand dahingleiten, halb versteckt im Wald. Schon wieder haben
wir eine Regenwolke im Rücken, aber sie behält ihren Inhalt
für sich, bis wir in Weiherhammer im Hotel Lohbachwinkel ankommen.
Erst dann fängt es heftig zu regnen an. Ein bisschen Glück
gehört eben auch dazu...
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Dienstag,
31. 8. 2004 - Weiherhammer bis Bayreuth, 78 km
Der
Wetterbericht verspricht trockenes Wetter bei allmählich ansteigenden
Temperaturen. Er scheint recht zu behalten. Ein Blick aus dem Fenster
zeigt zwar noch Bodennebel, aber die Sonne kämpft sich schon
tapfer hindurch. Allerdings ist es sehr kalt und auch der Wind scheint
ein Wörtchen mitreden zu wollen.
Eigenartige Gegend hier: durch den sandigen Boden gibt es sehr viel
Kiefernwald. Dazwischen immer wieder enorme Sand- und Kiesgruben
mit Lastwagenverkehr. Wir radeln erstmal neben einer kerzengeraden
Bundesstrasse durch den Wald, nehmen den aufgerissenen und ausgebeuteten
Erdboden wie eine Wunde wahr, die man der Erde zufügt. Bis
die Landschaft endlich etwas freundlicher wird und sich die Kiesgruben
in Baggerseen und Naturschutzgebiete verwandeln.
Auf
einmal scheinen wir in einem anderen Film zu sein, denn für
ein Weilchen nimmt uns ein mildes Tal auf, saftige Wiesen, etwas
Weideland, ein munteres Flüsschen, wie üblich auch hier
von Weiden und Bauernorchideen gesäumt. Wir kommen nur langsam
voran. Das mag teilweise an Wind und Wegebeschaffenheit liegen.
Vielleicht auch an der Routenführung, denn man hat hier wieder
mal eine Fernverbindung im Zickzack durch die Landschaft geführt,
um möglichst viel Flussnähe und möglichst wenig Autoverkehr
zu gewährleisten. Wahrscheinlich hab ich aber einfach nur die
falsche Einstellung dazu, mir geht's nämlich im Augenblick
um ein flüssiges Vorwärtskommen, nicht um beschauliches
Wandern. Also schieb ich mir den Schwarzen Peter lieber mal selber
zu. Hätte ich eine Landkarte dabei, könnte ich eine Alternative
suchen, aber mein Radreiseführer zeigt immer nur Details und
keine grösseren geographischen Zusammenhänge auf.
Für
die 25 Kilometer bis Pressath brauchen wir jedenfalls mehr als zwei
Stunden und rutschen in ein Stimmungstief. Was uns jetzt fehlt,
ist ein gemütliches Café, aber der Ort ist in dieser
Hinsicht eine Enttäuschung. Überhaupt ist diese Gegend
weniger touristisch infrastrukturiert als das Naabtal weiter südlich.
Deswegen nehmen wir mit dem vorlieb, was der Supermarkt hergibt.
Momentan
will es nicht so recht rollen. Das mag vielleicht auch an der melancholisch
bis bedrückenden Stimmung liegen, die die Landschaft um uns
herum verbreitet. Nadelwälder stimmen mich immer düster,
weiss auch nicht warum... Nadelwälder und alpine Landschaften...
Wir
kämpfen uns weiter gegen den Wind voran, bis eine markante
Erhebung vor uns auftaucht. Das ist der Rauhe Kulm, ein längst
erloschener Vulkan, der die Gegend hier beherrscht und überragt.
Die Landschaft ändert sich erneut, das Fichtelgebirge naht
und wir durchstreifen dessen Ausläufer. Es warten vermehrt
Höhenmeter auf uns, jedoch wird es auch weiter, offener, wir
fühlen uns gleich irgendwie freier. Wir kommen in eine Ortschaft
namens "Kastl", wo wir die Bedienung eines Dorfwirtshauses
aufschrecken und dabei leidlich geniessbaren Kaffee serviert bekommen.
Wie
weit schaffen wir es noch? Bis Bayreuth? Es hängt nicht so
sehr von unserer Lust und Laune ab - denn wenn man danach ginge,
könnte jetzt schon Schluss sein - sondern von den Übernachtungsmöglichkeiten.
Hier finden wir so gut wie gar nichts. Aber nochmals 35 - 40 Kilometer
radeln? Wir versuchen es. Bleibt uns ja auch gar nichts anderes
übrig.
Die
Orte hier heissen "Schlackenhof", "Teufelshammer",
"Schmetterlohe" oder einfach nur "Hub". Irgendwann
haben wir genug von der offiziellen Routenführung (besonders
als man uns einen Berg hinauf locken will, über dem eine dunkle
Wolke dräut), weswegen wir uns ein paar gut asphaltierte und
kerzengerade Kilometer auf der mässig befahrenen Staatsstrasse
nach Weidenberg "gönnen". Vorher jedoch nochmals
ein schlammiger Waldweg an einer Pferdeweide vorbei, auf der prompt
wieder ein Schwarzstorch, gar nicht mal so scheu, nach Kleingetier
sucht.
In
Weidenberg sucht uns der zweite Totpunkt dieses Tages heim: insgeheim
hofften wir auf eine Unterkunft, aber der einzige Gasthof hier hat
Betriebsurlaub. Immerhin landen wir auf dem sehenswerten Rathausplatz,
der architektonisch ganz anders aussieht als die Ortschaften, durch
die wir bis jetzt kamen: die Häuser sind aus Sandstein gebaut
und nicht verputzt, ähnlich wie ich es noch von Bamberg und
den Orten in der Fränkischen Schweiz her in Erinnerung habe.
Wir machen Brotzeit und plündern unseren Tagesproviant. Solchermassen
noch einmal gestärkt, machen wir uns auf den letzten Abschnitt
nach Bayreuth. Irgendwie wird uns heiterer zu Mute. Vielleicht liegts
daran, dass Mischwald das reine Nadelgehölz verdrängt,
am milden Licht, oder einfach deswegen, weil wir nun einen Bogen
nach Westen machen. Auf jeden Fall sind wir beide zwar rechtschaffen
müde, aber viel besser gelaunt als um die Mittagszeit.
Per
Handy reservieren wir im Hotel "zur Lohmühle", das
uns die gestrige Wirtin empfahl, ein Zimmer. Das klappt. Wenn man
endlich weiss, wo man abends sein müdes Haupt betten kann,
wird einem nochmals ein Stück leichter um's Herz. Als wir schon
im Stadtbereich von Bayreuth radeln, zeigt uns ein Passant den Radweg
am Rotmain entlang, der uns bis in die Innenstadt (und zufälligerweise
fast bis zum Hotel) führen wird. So treffen wir jetzt schon
auf den Fluss, der uns die nächsten Tage begleiten wird. Abends
speisen wir im Hotelrestaurant. An den Wänden hängen Fotos
und Autogramme von Opernsängern, -Diven und Dirigenten. Eitle
Opernwelt. Immerhin befinden wir uns ja in der Festspielstadt. Mir
fällt dazu eine Textstelle aus einem Lied von Gordon, mit dem
ich in Zürich Musik mache, ein:
I
can't get into classical music
I can't follow Jazz or Blues
I cannot stand voice acrobatics
Pop Divas are not my thing...
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Mittwoch,
1. 9. 2004 - Bayreuth bis Lichtenfels, 65 km
Es
trifft sich gut, dass die Sonne von einem wolkenlosen Himmel lacht.
Es trifft sich gut, dass unser Hotel nur ein paar Schritte vom Main
entfernt liegt. Es trifft sich mindestens genauso gut, dass an eben
diesem Fluss ein Radweg aus der Stadt hinaus führt.
Automatisch
sind wir auf dem Fernradweg entlang des Mains gelandet, der uns
bis nach Würzburg leiten wird. Ganz im Gegensatz zu gestern
rollt es heute wunderbar. Während wir tags zuvor um jeden Kilometer
kämpfen mussten, gleiten wir jetzt fast wie von selber dahin.
Gar lieblich ist das Tal, das in der Morgensonne saftig vor uns
ausgebreitet liegt. Sanfte Hügel begrenzen es, der Fluss zieht
seine Schleifen. Zwar können wir nicht immer im Talgrund bleiben
und müssen/dürfen bisweilen durch kleine und gepflegte
Dörfer pedalieren, die alle am Talrand und etwas erhöht
gebaut wurden, trotzdem finden wir schnell zu einem angenehmen Rhythmus.
Nach
etwa zwei Stunden sehnt man sich nach einem ersten Päuschen.
Der dafür auserkorene Ort nennt sich Melkendorf. Zu melken
gibt es dort leider nichts. Wir sind zu früh dran, die Gastwirtschaften
öffnen erst kurz vor Mittag. Anstatt dessen finde ich nicht
richtig aus dem Dorf heraus und führe uns in die falsche Richtung.
Nach Kulmbach wollen wir nämlich nicht, obwohl das monumentale
Bauwerk der Plassenburg einladend herüber grüsst. Leider
lässt sie sich aufgrund der Gewerbeansiedlungen im Vordergrund
nicht so fotografieren, wie ich mir das vorstelle - ich habe kein
Bedürfnis nach Realismus: Romantik, will ich haben! So konzentriere
ich mich lieber darauf, einen Weg durch das Labyrinth aus Umgehungsstrassen
zu finden und uns einen Weg nach Mainleus, dem nächsten Ort
auf der Strecke, zu suchen. Zwar sind wir bald wieder auf der richtigen
Route, doch weiss ich bis heute nicht, wie man die zweite Silbe
im Namen dieses Städtchens korrekt ausspricht: Mainlois? Mainle-us?
So bleibt eben eine Bildungslücke zurück, aber damit kann
ich leben. Ist ja nicht die einzige und mit der Zeit gewöhnt
man sich daran...
Immerhin
können wir in Mainleus Kaffee und Kuchen zu uns nehmen, wieder
in einem Stehcafé derselben Supermarktkette wie zwei Tage
vorher in Wernberg-Köblitz. Eine richtige Mittagspause gibt's
erst im Biergarten eines Minigolfplatzes bei Burgkunstadt. Ich sage
nur: "Fränggische Bockwerscht"! Und zwar mit Sauerkraut
und Senf. Und einem halben Dutzend neugieriger Wespen. Wespen gibt's
anscheinend viel in diesem Jahr, denn die ganze Reise über
laden sie sich von selber zum Mitessen ein, kaum speisten wir irgendwo
im Freien. Wir mutmassen, dass es die Sippe der ermordeten Wespe
vom ersten Tag ist, die Rache übt. Eine milde Rache, den gestochen
hat keine mehr. Aber Ruhe hat man natürlich auch nicht. Nach
derlei Philosophieren über unsere Mitgeschöpfe sind wir
wieder auf der Strasse. Hit the road, Jack
Leider
kommt man immer wieder mit den Auswüchsen des Strassenverkehrs
in Berührung, wenn auch nur punktuell. Der Kontrast ist jeweils
gross: aggressiv und fordernd wirken Tempo und Lärm des Autoverkehrs
im Gegensatz zur Ruhe und Gelassenheit der eigenen Vorbewegungsart.
In Lichtenfels liegt ein genehmes Hotel direkt auf unserer Strecke
und wir beenden die Etappe, weil die Stimmung einfach danach ist.
Später schlendern wir noch durch das Städtchen, landen
zuerst in einer Pizzeria und später noch in einer auf Grossstadt
getrimmten "Lounge" mit Ledersofas auf der überdachten
Terasse. Auch ganz OK, sowas
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Donnerstag,
2. 9. 2004 - Lichtenfels bis Eltmann, 70 km
Ich
sitze auf dem Bamberger Domplatz, beobachte die Touristen, die in
den Dom strömen, um sich den Bamberger Reiter anzusehen. Margrit
tut dasselbe, während ich bei unseren Velos Wache halte. Es
ist Mittag, wir haben schon 45 Kilometer hinter uns gebracht, Margrit
hat sich auf dem Bahnhof zudem ihre Rückreise für Sonntag
arrangiert und mein Magen hängt in den Kniekehlen. So sieht's
also grad aus...
Nach dem Frühstück sind wir aus Lichtenfels hinaus und
in die morgenfrische Landschaft hinein geradelt. Taufrische Wiesen,
Sonnenschein, eine Allee, die zum Kloster Vierzehnheiligen führt,
im Gegenlicht. Weit voraus der Staffelberg, der Berg der Franken.
Ein vorbildliche Routenführung heute: excellente Beschilderung,
lockeres Vorwärtskommen. Einziger Wermutstropfen sind die grossen
Verkehrsachsen, die man, wie gestern auch schon, immer wieder mal
berührt.
Jetzt
sind wir also in Bamberg. Im Rosengarten der Residenz können
wir nicht nur unseren Hunger stillen, neben dem Wirtschaftsbetrieb
gibt's dort nämlich zudem das Farbenmeer der Blumen und einen
Panoramablick über die Stadt zu geniessen. Was für ein
Wetter! Und es soll so schön bleiben, sagen die offiziellen
Stellen.
Anschliessend
sind wir entlang der Regnitz schnell wieder aus der Stadt heraus
geradelt. Aber nun müssen wir an einem Radweg neben der Bundesstrasse
fahren. Wir kommen ziemlich schnell vorwärts, aber es ist langweilig
und irgendwie uninteressant. Wir machen halt Strecke. Immerhin wird
das Tal etwas enger und wir erhaschen einen Blick auf den ersten
Weinberg.
Mittlerweile
fliesst die Energie davon wie Sand in einem Stundenglas. Wir sind
heute ausnahmsweise mal etwas wählerisch und lassen einige
durchaus passende Übernachtungsmöglichkeiten vorüberziehen,
bis wir uns in Eltmann endgültig auf Zimmersuche begeben. Zuerst
kurven wir im Ort ein paar Mal rauf und runter, bis wir eine Infotafel
mit Unterkunftsverzeichnis finden. Uns gefällt das "Haus
am Wald", weil es Ruhe verspricht. Am Telefon sagt uns die
Herbergsmutter, dass sehr wohl ein Zimmer für uns vorhanden
sei, wir müssten nur einfach den Berg hinan. Nun, nach einer
kurzen Irrfahrt ist auch das geschafft.
Die
Wirtin erzählt uns a) dass viele Radfahrer ärgerlich sind
und sich beschweren, weil das Hotel so weit oben auf dem Berg gebaut
ist und b) dass sie eigentlich auch gerne mit ihrem Mann eine solche
Reise unternehmen würde, aber dass sie dann andauernd Streit
haben würden, weil sie in jede Kirche hinein möchte, er
dagegen nur radeln will. Hm
da wir beide rechte Kulturbanausen
sind, haben wir dieses Problem zum guten Glück nicht.
Weinfranken
Bierfranken
Weisswurst-Äquator
das
sind Begriffe, die man hier andauernd in Prospekten, Reiseführern
oder sonstigen Werbeträgern liest. Langsam kommen wir jetzt
ins Bocksbeutel-Land.
Ornithologisch gibt's heute neben etlichen Reihern, Eichelhähern
und Turmfalken einen Fischadler zu verzeichnen. Letzteren allerdings
in ausgestopftem Zustand neben etlichen anderen Jagdtrophäen
im Foyer unserer Unterkunft. Nun denn
wem's gefällt.
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Freitag,
3. 9. 2004 - Eltmann bis Volkach, 73,5 km
Der
heutige Tag fängt an wie der gestrige aufhörte: mit Sonnenschein
und der Fortsetzung des Radweges längs der Bundesstrasse. Viel
mit Landschaftsgucken beziehungsweise Genussradeln ist da nicht,
wir sind einfach dankbar, dass die vorbeifahrenen Brummis durch
einen Rasenstreifen von uns getrennt sind. Als Entschädigung
dafür das sehenswerte Ortsbild von Zeil am Main und in Hassfurt
eine erste Kaffeepause und die Besichtigung der gotischen Kirche
- denn solche Kulturbanausen sind wir dann doch wieder nicht und
gotische Architektur mögen wir recht gerne (wogegen uns dagegen
alles Barocke gestohlen bleiben kann).
Meine
Rad-Reiseführer sind mittlerweile betagt, schon gut und gerne
an die zehn Jahre alt und deswegen hat sich natürlich überall
einiges verändert. So wird der nun folgende Abschnitt, anders
als in meinem schlauen Buch, recht idyllisch (soweit das hier überhaupt
möglich ist) auf einem asphaltierten Weg am Main entlang geleitet.
Irgendwo rechts befindet sich zwar die "böse" B26
und die Eisenbahn, aber man sieht, hört und spürt sie
kaum. Ausserdem geht es flach dahin. Tralala...da reiht sich Kilometer
an Kilometer. So
sind wir recht bald in Schweinfurt, mischen uns wieder unter die
Motorisierten und finden ein italienisches Restaurant.
Wir ziehen wieder los, den Magen spaghetti-voll, pedalieren jetzt
auf ruhigeren Wegen durch ein weites Tal, akzeptieren oder ignorieren
das Kernkraftwerk in Grafenrheinfeld und konzentrieren uns lieber
auf die erfreulicheren Dinge des Lebens. Zum Beispiel auf die Unmengen
von Schwalben, die sich auf den Drähten der Stromleitungen
sammeln und gleichzeitig um die Wette zwitschern. Die Nachmittagstemperaturen
sind spätsommerlich heiss und die Luft flirrt über den
Stoppelfeldern.
Jetzt
gibt es immer mehr Weinberge zu sehen. Wir halten noch durch bis
Volkach und quartieren uns in der Altstadt ein. Abends enden wir
im Hof eines Weingutes, essen zwar nur mittelmässig gut, trinken
dafür aber hervorragenden Wein. Auf der Herrentoilette hat
man einen aktuellen Zeitungsausschnitt angebracht. Dort ist zu lesen,
dass zwei Angler letztes Wochenende hier am Main, unabhängig
voneinander, den Fang ihres Lebens machten: beide fingen einen riesigen
Wels, der eine war 1,92, der andere 1,74 Meter lang, man möcht's
nicht glauben. Irgendwo befindet sich ein Stall mit zwei Ziegen,
die gestreichelt werden wollen/dürfen. Wir beobachten belustigt,
wie sich die weinseeligen Gäste bei ihren Aufbruch einen Weg
durch die eng gestellten Tische und Bänke
äh
ertorkeln,
und sich nun an den Ziegen ergötzen, die sie vorher bei ihrer
Ankunft gar nicht wahrgenommen haben. Als wir später im Hotelzimmer
noch vom blutigen Ende des Geiseldramas in Russland erfahren, sind
wir schlagartig wieder ernüchtert. Welch ein Kontrastprogramm.
Was für ein Wesen ist der Mensch?
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Samstag,
4. 9. 2004 - Volkach bis Würzburg, 62,5 km
In
Volkach akzeptiert man keine Kredit- sondern nur EC-Karten. Zumindestens
im gestrigen Weingut und im Hotel ist es genauso. Gestern, beim
Abendessen, funktionierte es mit Verspätung, hier im Hotel
mag der Kartenleser meine schweizer EC-Karte nicht. Nun gut, dann
also cash bezahlen...
Heute
bin ich schlecht gelaunt und komme nur schwer in Schwung. Ich würde
lügen, wenn ich nicht wüsste wo's herkommt, schliesslich
hab ich gestern meine vorher schon durchaus vorhandene Zuneigung
zum Spätburgunder aufgefrischt. Es liegt Frühnebel über
dem Fluss, Innenleben und Aussenwelt gleichen sich auf eine gewisse
Art und Weise. Eigentlich schaut das recht schön aus, wie die
Sonne dort so langsam den Nebel weg leckt, aber ich bin zu träge,
um den Fotoapparat aus der Tasche zu holen. Man kann manche Bilder
auch für sich selber im Kopf speichern und muss nicht alles
dokumentieren. Finde ich.
Um
zehn Uhr, als wir uns Kitzingen nähern, ist der Spuk sowieso
vorbei, die Sonne hat sich durchgesetzt und Oberhand gewonnen. Im
Prinzip würde es heute hervorragend laufen, wenn ich nicht
alle fünf Minuten einen Grund zum Anhalten fände, um entweder
zutiefst menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, Sonnencrême
aufzutragen, Traubenzucker oder Müsliriegel nachzufuttern oder
die Socken auszuziehen. Bei Mainstockach liegt eine Sportplatzgaststätte
gar zu einladend auf dem Weg, als dass man - sie ignorierend - vorbeiradeln
könnte. In Ochsenfurt Mittagspause. Kein Ochsenfleisch, sondern
Kartoffeltaschen mit Frischkäse. Nicht gerade das gelbe vom
Ei, aber Schweinebraten oder Hausmacher-Sülze mit "Musik"
sind keine rechten Alternativen. Jedenfalls tut die Mittagspause
gut und die anschliessende Fahrt nach Würzburg geht problemlos
vonstatten.
Wir
checken im Hotel Regina ein, dass direkt neben dem Bahnhof liegt.
Hier schätzt man Vorauskasse und möchte auch den Zimmerschlüssel
abgegeben wissen, wenn der werte Gast sich in den Ausgang begibt.
Aha, man hat schlechte Erfahrungen gemacht. Abends erkunden wir
Würzburg, besichtigen mehrere Kirchen und den Dom. Alles so
prunkvoll und doch so düster. Und dann die Angst vor dem Tod,
die so sonderbar im Widerspruch zur katholischen Lehre steht.
Neben
dem Strassencafé, in dem wir uns einen Schlummertrunk genehmigen,
befindet sich ein interessanter Brunnen. Der Künstler hat einen
verspielten Teufel dargestellt, der mit dem Mund Wasser speit und
einer Eva sein hoch gerecktes Hinterteil - das mit einem Schwänzchen
gekrönt ist - entgegenstreckt. Diese, also Eva, sitzt in lasziver
Pose und beisst in einen Apfel. Daneben gibt es noch etliche Düsen
und Öffnungen, aus denen ebenfalls reichlich Wasser sprudelt.
Eine sinnliche, lustige und lustvolle Angelegenheit. Ein kleines
Mädchen spielt selbstversunken mit dem Wasserstrahl, klettert
auf die Figuren, lässt sich abspritzen und es macht ihm gar
nichts aus, dass es bald patschnass ist. Auch ihre Eltern lassen
sie. Könnten wir doch unser Leben ebenfalls als Spiel betrachten
und mehr Sinnlichkeit und Schönheit darin sehen! Und es einfacher
nehmen
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Sonntag,
5. 9. 2004 - Würzburg bis Gebsattel, 77 km
Heute
gilt es Abschied zu nehmen, denn Margrit muss leider mit dem Zug
nach Hause fahren, während ich noch eine zweite Woche zu meiner
Verfügung habe. Um acht Uhr radle ich alleine durch die Würzburger
Fussgängerzone zum Main, voller Aufbruchstimmung einerseits,
gleichzeitig aber doch auch traurig, dass mich Margrit nicht weiter
begleiten kann. Für mich ist es viel einfacher, von vornherein
alleine auf Reisen zu gehen, als eine zeitlang gemeinsam unterwegs
zu sein und sich dann trennen zu müssen.
Ich
möchte im Weiteren ins Taubertal radeln und muss dazu bis nach
Ochsenfurt zurück, denn dort finde ich Anschluss an den Gaubahn-Radweg,
der Main- und Taubertal verbindet. Es gilt jetzt erstmal, einen
eigenen Rhythmus zu finden, was eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt.
Auf der 20 km langen Fahrt nach Ochsenfurt jedenfalls finde ich
ihn noch nicht, sondern übertreibe masslos und presche so schnell
voran, dass ich in weniger als einer Stunde vor Ort bin. Die Rechnung
bekomme ich dann auf dem Gaubahn-Radweg präsentiert, dort geht
mir nämlich erstmal die Puste aus. Gemach, gemach
Der
Gaubahn-Radweg entstand vor ein paar Jahren auf einer stillgelegten
Bahntrasse - ähnlich wie es auch in meinem Heimatort der Fall
ist. Das Gute daran: man kann mit mässiger Steigung vom Flusstal
auf ein Plateau klettern. Doch auch hier wirkt sich der grobe Belag
negativ aus und raubt Energie, wenn man mit einem Velo mit Strassenreifen
unterwegs ist. Zuerst fahre ich einige Kilometer in einem Korridor
aus Buschwerk und Wald, dann bin ich endlich auf der Hochebene angelangt.
Hier gibt's Felder bis zum Abwinken
ich meine: bis zum Horizont.
Und heiss ist es. Und windig. Und ich bin relativ alleine. So sehe
ich es als Durststrecke, die mir landschaftlich nicht viel gibt,
trotzdem aber eine bequeme Querverbindung ins Taubertal darstellt.
Die letzten paar Kilometer bekomme ich dann geschenkt, als sich
der Weg vom Plateau ins Flusstal senkt und ich es rollen lassen
kann.
Sofort
finde ich Anschluss an den Radweg "Liebliches Taubertal".
In Creglingen, der nächsten Ortschaft, werden Erinnerungen
an eine unserer früheren Radreisen wach: hier waren uns mehrere
Tage Zwangsaufenthalt "vergönnt", weil Margrit damals
nach dem unglücklichen Sturz ihre Verletzung am Arm auskurieren
musste. Ich fülle meinen Kohlehydratvorrat mit Spaghetti auf
und beobachte dabei ein Taubenschwänzchen, das wie ein Kolibri
Nektar aus den Blüten saugt.
Creglingen
hat sich verändert. Es gibt mehr Restaurants und Cafés,
in der Altstadt sind die Häuschen herausgeputzt, alles wirkt
touristischer als noch vor fünf Jahren. Bald liegt das Städtchen
hinter mir und ich arbeite mich flussaufwärts voran. Hier ist
alles viel belebter, es ist spürbar mehr los. Manch einer,
bepackt mit Ausrüstung für bestimmt mehr als ein/zwei
Tage, wird den Radweg hier - genau wie ich - als Durchgangsstrecke
benutzen. Das sind meist jüngere Leute. Die vielen älteren
Radfahrer dagegen, meist Ehepaare oder kleinere Gruppen, haben sich
wohl für längere Zeit hier einquartiert und befinden sich
auf Tagesausflügen. Die sieht man oft mit hochroten Köpfen
am Strassenrand sitzen, denn auch heute ist es sehr warm. Und dann
noch die Familien mit den Kindern - da sind meist ein oder zwei
Kids dabei, die sich mit mir ein Wettrennen liefern wollen und für
ein paar Meter heftig in die Pedale steigen.
Es
ist nicht einfach, ein verschwiegenes Plätzchen für ein
kleines Geschäft zu finden, denn überall wird pausiert,
gepicknickt und sich erholt. Es geht gehörig hinauf und hinunter,
und gar so steigungsreich habe ich diese Passage eigentlich gar
nicht in Erinnerung. Richtig anfänger- oder seniorenfreundlich
ist dieser Radweg hier beileibe nicht, obwohl er so vermarktet wird.
Drüben, am anderen Talrand, würde eine Autostrasse oft
weit unter dem Niveau "unseres" kleinen Wirtschaftswegleins
hier auf der dieseitigen Talseite verlaufen. Aber ich höre
den Motorenlärm herüber, es sind (schliesslich ist heute
Sonntag) wohl viel Motorradfahrer unterwegs. Dann doch lieber hier
bleiben und ein bisschen klettern...
Eigentlich
eine recht sehenswerte Landschaft, dieses obere Taubertal. Die Tauber
ist jetzt nach Naab und Main der dritte Fluss, den ich auf dieser
Reise berühre - und wenn Altmühl und eventuell die Donau
noch dazukommen, wird das alles dann zu meinem persönlichen
"Fünf-Flüsse-Radweg" werden.
Allmählich
wird es ernst: kurz vor Rothenburg ob der Tauber verengt sich das
Tal, der Radweg mündet in die vorher schon erwähnte Autostrasse
und diese führt steil bergauf in die Stadt. Wenn man denn nach
Rothenburg hineinwollte. Aber ich will es nicht! Ich hab keine rechte
Lust auf japanische Touris, fühle mich sowieso als auf der
Durchreise befindlich und ausserdem kenne ich die Stadt. Also biege
ich bei nächster Gelegenheit wieder rechts ab und bleibe somit
unten im Tal, komme am Topplerschlösschen vorbei, bis sich
nach einer Kehre das gesamte Stadtpanorama vor mir aufbaut. Schön!
Ich mag diesen Ort. Irgendwann
muss ich jedoch selber hinauf auf das Plateau. Die Strasse steigt
an, ist glücklicherweise weniger steil und auch weniger befahren.
Also:
mit Rothenburg geht ein Reiseabschnitt zu Ende. Gleichzeitig beginnt
ein neuer, denn die Stadt ist der Ausgangspunkt für den Altmühl-Radweg,
auf dem ich ab morgen unterwegs sein will. Für heute ist genug,
sodass ich das 20-Euro-Zimmer in einem Landgasthof im nächsten
Ort, Gebsattel, dankbar annehme. Weil im Badezimmer Duschgel bzw.
Seife fehlt, muss meine äussere Hülle heute mit Wasser
pur zufrieden sein (Ich habe von zuhause nichts mitgenommen und
mich darauf verlassen, in Hotels Waschsubstanzen und Frottiertücher
vorzufinden, was ja auch überall Usus ist). Anscheinend ist
dieses Haus jedoch generell für eine gewisse Sparsamkeit bekannt,
denn als ich später im Biergarten sitze, beschwert sich ein
einheimischer Gast spasseshalber beim Wirt, weil gar zu knapp eingeschenkt
wurde: "..ihr spart wohl überall, wo's nur geht!"
Nun,
ich kann mich eigentlich nicht beschweren, mein Abendessen ist reichlich
und gut. Und als die Sonne am Sinken ist, kreisen Unmengen von Schwälbchen
am Abendhimmel, ich mache die Entdeckung, dass ein 2002er Wiesenbronner
Wachhügel (Spätburgunder) fürwahr ein feiner Tropfen
ist und eine rotgefleckte Katze streicht zutraulich um meine Beine.
Nur die schon betagte Wirtin ist nicht zutraulich. Irgendwie geht
ihr die Herz- und Freundlichkeit ab, die all den anderen Gastgebern
auf dieser Reise innewohnt.
Keine Panik werte Gastgeberin
in weniger als 12 Stunden sind
sie mich wieder los
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Montag,
6. 9. 2004 - Gebsattel bis Wettelsheim, 83,5 km
Was
hab ich doch für ein Glück mit dem Wetter! Das Hoch setzt
sich fest und es ist immer noch kein Ende in Sicht! Ich bin wirklich
dankbar dafür, denn die letzte beiden Jahre ist diese Jahreszeit
an mir vorüber gezogen, ohne dass ich sie besonders wahrgenomme
hätte. Dabei mag ich den September doch so! Mitte August, wenn
abzusehen ist, dass die Badesaison mit der nächsten Kaltfront
zu Ende geht und die Tage zusehens kürzer werden, schlägt
mir das meist auf's Gemüt und ich habe oft das Gefühl,
dass ich etwas verpasst habe oder etwas unwiderruflich dahin ist.
Wenn ich aber durch diese Phase hindurch bin, freue ich mich auf
den Herbst und kann diese Jahreszeit wirklich geniessen (so uns
das Wetter gewogen ist).
Frühstück
bekomme ich hier erst um halb acht, also bin ich nicht vor acht
Uhr auf Piste, rolle dann aber auf einer kleinen Landstrasse hurtig
dem Altmühltal entgegen. Im Reiseführer las ich gestern
noch etwas von "wir erklimmen die Frankenhöhe". Nun,
so richtig von Erklimmen kann hier nicht die Rede sein, trotzdem
wollen heute früh schon ein paar Höhenmeter abgearbeitet
werden. Danach darf ich aber wieder vom "Höhenmeterkonto"
abheben und flott ein leicht geneigte Ebene hinunterflitzen, bis
ich im brettl-ebenen Altmühltal angekommen bin und nur mehr
der Wind etwas gegen mich zu haben scheint. Nach angemessenem Zeitraum
lädt der Ort Herrieden - klein, malerisch, fachwerk-romantisch
- mit einem Stehcafé zu einem kleinen Päuschen ein.
Im
Radio sucht der Moderator eines Regionalsenders nach "der schwersten
Kartoffel West-Mittelfrankens"! Das höre ich, als ich
an einem Kiosk am Ufer des Altmühlsees sitze, wo ich mir eine
verdiente zweite Pause gönne. Hinter mir liegt eine Fahrt durch
ruhiges Weideland, etwas eintönig, zugegebenermassen, aber
trotzdem nicht ohne Charm. Hier dagegen erwartet mich relativ geschäftiger
Trubel im neu entstandenen Fränkischen Seenland, dass ein paar
künstlich angelegte Seen umfasst. Eigentlich ganz schön
hier. Die Leute baden noch. Gunzenhausen, das dazugehörige
Städtchen, versucht einen Spagat zwischen ländlich-regionalem
Zentrum und halbwegs modernem Erholungsort. Ob das gelingt, sollen
andere beurteilen, denn im Nu bin ich wieder auf freiem Feld und
mache von nun an nur mehr Strecke, denn für heute ist wieder
mal die Power raus. Flach, flach, flach, Gegenwind, Gegenwind, Gegenwind
Bei
Wettelsheim folge ich einem Wegweiser zu einem Landgasthof und kann
flugs ein Zimmer beziehen, diesmal gibt's wieder Seife, sodass ich
in kurzer Zeit wieder sauber aus der Wäsche gucke
das
lob ich mir!
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Dienstag,
7. 9. 2004 - Wettelsheim bis Donauwörth, 90,5 km
Licht!
Seit Mitte letzter Woche scheint die Reise unter diesem Motto zu
stehen. Auch an diesem Morgen radle ich einer noch tief stehenden
Sonne entgegen. Die Sonnenbrille ist dagegen fast nutzlos. Der Schirm
meiner Mütze greift noch nicht als Schattenspender.
Seit
neun Tagen bin ich nun ohne einen Pausentag mit dem Velo unterwegs.
Froh darüber, dass mich weder Kniegelenke noch Muskeln im Stich
lassen, genehmige ich mir heute einen ruhigen Start. Wenn man so
von Ort zu Ort reist, jeden Abend woanders schläft, Landschaften
durch das langsame Reisetempo viel intensiver wahrnimmt, so kommen
einem neun Reisetage fast wie eine Ewigkeit vor. Trotzdem vergeht
die Zeit andererseits wie im Flug und die Tage reihen sich wie eine
Perlen an einer Kette aneinander, die frischen, saftigen Morgenstunden,
an denen mir die Welt wie neu erscheint, weichen dem grellen Licht
der Tagesmitte, bis mit der Nachmittagsstimmung schon wieder das
Ende der Tagesetappe kommt.
Ich
lasse es also erstmal gemütlich angehen. Wie gestern schon,
erleichtert mir auch heute eine flache Topographie ein genussvolles
Vorankommen. Nach Treuchtlingen wird das Altmühltal schnell
eng und jurassisch: hier zeigt die Erde erneut ihre Zähne,
schiebt Kalkstein durch den Mischwald. Hier
sind - wie auch auf der ganzen bisherigen Reise - erstaunlich wenig
Hundehalter auf den Rad-, Wander- und Spazierwegen zu sehen. Und
wenn doch, dann sind diejenigen, denen ich begegne, sehr diszipliniert
und tragen Sorge, dass es zwischen ihren Schützlingen und den
Radfahrern zu keinem Konflikt kommt. Erstaunlich. Und vorbildlich.
Wenn ich da an die Situation im Zürcher Umland denke...
Ich
kurve durch die engen Windungen des Tals und freue mich, wenn jede
Flusskehre eine neue Perspektive, eine andere landschaftliche Gegebenheit
zeigt. Hier wird viel Kanu gefahren, denn die Altmühl bietet
sich durch ihre langsame Fliessgeschwindigkeit gerade für Anfänger
oder Jugendgruppen an. Um 11 Uhr mache ich in Dollnstein Rast und
lasse mir - es ist das einzige Gericht - Weisswürste mit Brezl
und Senf servieren. Getreu der bayerischen Doktrin, dass die Weisswurst
das Zwölf-Uhr Läuten nicht hören darf, verschlinge
ich meine Mahlzeit rechtzeitig und bin schnell wieder unterwegs.
Hier
will ich in das Urstromtal der Donau einbiegen (vor dem Meteoriteneinschlag
in Nördlingen floss die Donau hier durch, erklärt der
Reiseführer) und mich bis Rennertshofen vorarbeiten, um Anschluss
an den Donauradweg zu bekommen. Von "Arbeiten" kann aber
keine Rede sein: nachdem ich mich auf dem ausgeschilderten Kiesweg
ein paar Meter vorwärts bewegt und somit die Oberflächenbeschaffenheit
"erfahren" habe, ziehe ich den glatten Asphalt der parallel
dazu verlaufenden Landstrasse vor, die jetzt um die Mittagszeit
sowieso kaum befahren ist. Eine gute Entscheidung, denn in Null-komma-plötzlich
habe ich die 24 km bis Rennertshofen hinter mich gebracht. In Frankreich
hätte man mir wohl wieder hinterher gerufen: "ça
roule!"
Einmal
windet sich vor mir etwas auf der Fahrbahn. Als ich näherkomme,
ist es jedoch keine Schlange, sondern ein weggeworfener Ledergürtel,
der von weitem in der flirrenden Luft so aussieht, als ob er sich
bewegen würde. Ein paar Kilometer weiter liegt ein "steinerner
Mann" im Gras. Damit man verweile und sich Gedanken mache,
hat man neben diesem, mit einiger Fantasie wirklich wie ein liegender
Mensch aussehendem Stück Granit eine Sitzbank hingestellt,
ebenso ein Schild mit dem Hinweis "Steinerner Mann". Hm...möge
da verweilen wer will, ich hab's auf einmal eilig und meine Gedanken
kreisen eher um andere Dinge: seit ein paar Minuten lässt sich
nämlich das Wunschbild eines italienischen Eiscafés
nicht mehr vertreiben und in meiner Fantasie ist Rennertshofen vor
allen Dingen auch ein Ort, an dem ich ein Erdbeereis zu mir nehmen
könnte. Aber dort begrüsst mich lediglich die gelbe Beschilderung
des Donauradweges und flugs bin ich wieder aus der Stadt hinaus,
ohne mehr als einen Supermarkt, eine grosse Strassenkreuzung, ein
paar Bauernhöfe gesehen zu haben. Ach ja, ein Wegweiser zu
einem Computer-Laden mit Rund-um-die-Uhr-Service war auch noch irgendwo
angebracht. Aber da mein System hier hervorragend läuft und
ich keinerlei Probleme mit Hard- oder Software habe, sehe ich keine
Veranlassung, diesen Service in Anspruch zu nehmen.
Ein
paar Meter weiter umgeben mich Stoppelfelder. Ein Bussard kreist
darüber, sein heiseres "hiääh" wird aber
nicht mir gelten. Mäuse dürfte er genug finden, den ganzen
Tag schon laufen mir welche quer über den Weg und mehr als
einmal hätte ich beinah eine überfahren. Irgendwie
macht sich nun Ernüchterung breit: all die mehr oder minder
unbekannten Gegenden, die ich auf dieser Reise sehen wollte, habe
ich jetzt abgeradelt. Das Urstromtal der Donau war das letzte auf
der To-Do-Liste. Von nun an werde ich die noch verbleibenden Tage
bis zum Wochenende auf dem Donauradweg nach Westen fahren. Mit diesem
Radweg verbindet mich eine sentimentale Liebe, schliesslich war
es meine "Einstiegsdroge" in diese Art des Reisens. Zum
vierten Mal bin ich hier nun unterwegs, und ich weiss eigentlich
gar nicht, ob mich das nun eher langweilt oder ob es mich anheimelt.
Jedenfalls ist es die schnellste Verbindung in Richtung Zürich,
soviel ist klar.
Der
Wunsch nach Einkehr und Rast ist nicht vergessen, allerdings muss
es nicht mehr ausschliesslich ein Eis sein. Je weiter ich voran
komme, desto bescheidener werden meine Ansprüche. Inzwischen
darf es auch eine ganz normale Gastwirtschaft mit Kaffee und Kuchen
sein. Im nächsten Ort, Bertoldsheim, wird man aus unersichtlichen
Gründen auf den Schlossberg gescheucht, obwohl unten im Tal
ein Weg entlang zu führen scheint. Nun, immerhin kann man sich
von dort oben einen Panoramablick zu Gemüte führen, und
es gibt endlich ein Wirtshaus. Zwar muss ich meine Bedürfnisse
auf einen halben Liter Apfelschorle runterschrauben, aber mein Magen
akzeptiert es, ohne mich böse anzuknurren. Er ist immer noch
viel zu sehr mit den Weisswürsten beschäftigt...
Nachher
darf ich wieder auf einem Kiesweg fahren. Es geht auf dem Damm neben
der Donau dahin. Dammweg-Fahren ist nicht wirklich aufregend und
so schweifen die Gedanken ganz automatisch ab und beschäftigen
sich allmählich mit dem Etappenende. Irgendwie steht mir heute
der Sinn nach etwas Luxuriösem. Nicht dass ich bisher schlecht
untergebracht gewesen wäre - aber während ich so vor mich
hinradle und auf diesem Weg hier immer mehr eingestaubt werde, wächst
der Wunsch nach einer feudalen Unterkunft. Vor allen Dingen sehe
ich ein helles Badezimmer mit einer grossen Badewanne vor mir
Während
ich so tagträumend dahinpedaliere, fällt mein Blick auf
ein Seniorenpaar am Wegesrand, das wohl eine Panne hat. "Ihr"
Rad ist auf den Kopf gestellt und Er hantiert daran herum. Als ich
näherkomme, werde ich angesprochen, ob ich mich vielleicht
mit Reifenpannen-Sprays auskenne. Hm
ich flicke ja meine Schläuche
lieber, bevor ich mit solchem Zeugs hantiere. Die beiden haben leider
ein Spray für das falsche Ventil gekauft. Und das Loch ist
dummerweise im Hinterrad. Und da wissen sie jetzt überhaupt
nicht weiter. Naja, dann versuche ich eben, meinem Namenspatron
gerecht zu werden und für eine zeitlang mutiert der "eilige
Martin" zum "heiligen Martin" und dieser flickt,
ganz die Barmherzigkeit in Person, einen fremden Hinterreifen. Als
mir das dankbare Paar dann einen 5-Euro-Schein zustecken will, bin
ich irgendwie genervt. Ich finde, Pannenhilfe sollte unter Kameraderie
laufen und eine Selbstverständlichkeit sein. Andererseits kommt
dann meine durchaus vorhandene snobistische Ader durch, denn für
die halbe Stunde Zwangspause und meine jetzt von Kettenfett triefenden
Hände (mein Gott, was war die Kette eingeölt!) finde ich
die angebotene Bezahlung andererseits auch wieder einen Hungerlohn
Ich schaffe es schliesslich, den beiden ihren Vergeltungswunsch
auszureden, ihnen die Note wieder zurückzugeben, ohne dass
sie sich allzu schlecht fühlen und mache ihnen stattdessen
begreiflich, dass es keine schlechte Idee wäre, sich zumindestens
mit relativ einfachen, aber häufig auftretenden Pannensituationen
auseinander zu setzen, zu denen das Reparieren eines Schlauches
und der Ein- und Ausbau eines Laufrades gehört.
Irgendwie
hat mich diese kleine Episode jedoch aufgemuntert, ich ziehe daraufhin
gut gelaunt weiter meines Weges. Endlich wird es wieder etwas interessanter,
denn die Route führt durch die Städtchen, die am nördlichen
Talrand erbaut sind. Dort ist es hügeliger, es ist Klettern
angesagt, aber ich werde mit sehenswerten Ausblicken auf das Lechfeld
und einigen rasanten Abfahrten belohnt. Als mir langsam die Puste
ausgeht und der Tacho bald 90 Kilometer anzeigt, nähere ich
mich Donauwörth. Plötzlich bin ich wieder im Stadtverkehr,
halte Ausschau sowohl nach Hotels als auch nach der Weiterführung
der Radroute. Diese wird wie eine Katze um den heissen Brei um die
Altstadt herum geleitet. Irgendwie bin ich wohl gerade mit Blindheit
geschlagen, denn ich finde weder eine Infotafel (die es sehr wohl
gibt, wie ich am nächsten Tag feststelle, als ich nochmals
hier durch muss) noch sonstige Hinweise.
Also
frag ich mich mal durch. Eine Mutter samt Tochter, beide nicht mehr
so ganz jung, sind erstmal überfragt. Da gäbe es das Parkhotel
oben am Berg ("da kommen Sie mit diesem Rad aber sowieso nicht
hinauf"), dieses wäre jedoch viel zu exklusiv und käme
nicht in Frage. "Äh
vielleicht doch", wende
ich ein, aber sie diskutieren schon weiter über ein nettes
Hotel, 10 Kilometer ausserhalb der Stadt
Ich verabschiede
mich höflich... Zwei Herren, in einem Vorgarten Bier trinkend,
können im Augenblick auch nicht weiterhelfen, immerhin weiss
ich jetzt, wie ich in die Innenstadt komme. Endlich ein Hotel. Dort
ist leider alles belegt, aber die Dame an der Rezeption telefoniert
für mich, reserviert mir ein Zimmer in besagtem Parkhotel "oben
auf dem Berg" und weist mir den Weg dorthin. Das mit dem "oben
auf dem Berg" ist nicht gar so schlimm und wird dadurch relativiert,
dass mein Luftschloss von heute Nachmittag Wirklichkeit geworden
ist. Es ist mir zwar hochnotpeinlich, mit meinen schmutzigen Pfoten
das Anmeldeformular unter den Augen des Personals auszufüllen,
aber auch das geht vorbei. Im übrigen hat man als Radwanderer
sowieso immer den "Sportsman-Bonus", scheint mir jedenfalls,
denn auch in den feudalen Hotels auf der diesjährigen Frankreichreise
(und auch früher schon) hat niemand an unserem verstaubt-verschwitzten
Auftreten Anteil genommen. Im Gegenteil, es gab immer viel Interesse
und Amusement. Auch heute muss ich ein bisschen aus dem Nähkästchen
plaudern und über das Liegerad Auskunft geben...warum...wieso...weshalb
bin ich damit unterwegs...dabei ist die Antwort so einfach: weil
es Freude bringt!
Mein Zimmer ist sogar recht bezahlbar, und in Anbetracht des günstigen
20-Euro-Zimmers von Sonntag bleibe ich im Durchschnitt. Abends sitze
ich bis zum Sonnenuntergang auf der Terasse des Hotels und geniesse
den Blick über die Stadt und das Umland. Auch wenn ich mich
wiederhole: ich bin dankbar für diese Schönwetterphase,
die nun schon eine Woche anhält. Ein richtiger Altweibersommer
ist das!
Aber trotzdem: Sunset at seven thirty
der Sommer geht vorbei
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Mittwoch,
8. 9. 2004 - Donauwörth bis Gögglingen, 104,5 km
Zuerst
muss ich heute nochmals durch die Stadt hindurch und jetzt sehe
ich, was ich gestern vermisste: Touristeninfos, Hotelwegweiser und
dergleichen. Ich hatte wohl Tomaten auf den Augen
"Let's
go west!" heisst die Devise. Das Donauried erwartet mich, ein
flaches Bauernland. Es ist ein bisschen dunstig heute. Alles ist
ruhig. Ich versuche, einen ruhigen, gemächlichen Rhythmus für
mich zu finden, mich treiben zu lassen und zu genussradeln, ertappe
mich aber schon bald dabei, wie ich nur Strecke mache und den Blick
nach innen richte: die Gegend hier gibt einfach nichts her. Es ist
recht eintönig und das Auge gewöhnt sich schnell an die
Felder und Baumgruppen dazwischen. Ein
paar Augenblicke später werde ich unsanft aufgeweckt, denn
jetzt führt der Weg neben der Bundesstrasse entlang. Teilweise
innerorts auch ohne Radweg direkt auf dieser vielbefahrenen Strasse
selber. Was will man machen?
Wenn man so an einer grösseren Landstrasse entlang fährt,
fällt der Blick oft auf die vielen Kreuze und Gedenktafeln,
mit denen der Unfallopfer gedacht wird, Menschen - meist noch sehr
jung - die hier den Tod fanden. An vielen sieht man frische Blumen.
Ich
bin sehr froh, dass ich nicht mehr mit dem Auto unterwegs sein muss.
Dabei fühle ich mich in meiner Mobilität keinesfalls eingeschränkt.
Mir erscheint meine Autolosigkeit inzwischen als Privileg und ich
weiss es sehr wohl zu schätzen, dass ich auf ein öffentliches
Verkehrsnetz zurückgreifen darf.
In
Dillingen lädt ein Strassencafé zu einer ersten Pause
ein. Der langgezogene Marktplatz ist mit gut renovierten Bürgerhäusern
gesäumt und strahlt Wohlstand aus, die Strasse besteht aus
Kopfsteinpflaster. Leider hat man sich hier nicht zu einer Fussgängerzone
durchringen können, so dass die Autos über das Pflaster
dröhnen. Schade. Nachdem ich mich wieder in den Verkehr eingefädelt
habe, komme ich mit rauschendem Tempo an einem imposanten klerikalen
Bauwerk vorbei, die fürstbischöfliche Residenz, wenn ich
meinen Reiseführer richtig interpretiere. Minuten
später dann der totale Kontrast: ich tauche in einen Auwald
ein, der Strassenlärm verschwindet urplötzlich und bis
auf einen Spaziergänger bin ich mutterseelenallein. Nur mehr
die leisen Geräusche meines Rades begleiten mich, und das was
man üblicherweise im Wald so zu hören pflegt, also Vogelgezwitscher
und dergleichen.
Die
nächste Stadt, Lauingen, rückt näher. Nochmals dasselbe
Spiel: hektischer Stadtverkehr und daraufhin erneutes Eintauchen
in einen Wald. Dann fühle ich mich fast wie im Münchner
Englischen Garten, den vor mir tut sich eine Art Parklandschaft
mit abgemähten Wiesen und Baumgruppen auf. Und es gibt viele
kleine Strässlein hier, teilweise unbefestigt, teilweise asphaltiert.
Vor lauter Asphaltverliebtheit - denn dort läuft's natürlich
am besten - verpasse ich aber eine Abzweigung, denn nun macht der
Weg eine Schleife, er führt mich fast zurück in die Richtung,
aus der ich gekommen bin, bis er mich nach ein paar hundert Metern
auf die Bundesstrasse ausspuckt.
Hm
es
gibt glücklicherweise einen Radweg hier. Ein Blick auf die
Karte zeigt, dass ich nun zwar auf der unattraktiveren Strecke fahre,
dafür aber die Steigungen umgehe, die mir auf der offiziellen
Route geblüht hätten. Na gut, dann strample ich eben neben
dem Verkehr Richtung Günzburg. Als ich an einem Fernfahrer-Schnellimbiss
vorbei komme, genehmige ich mir einen Teller Bohneneintopf, frisch
aus der Mikrowelle. Auf Currywurst, Schnitzel oder Pommes hab ich
nämlich keinen Bock. Wie weit heute noch? 70 Kilometer sind
gefahren, Ulm naht. Lieber vor oder hinter der Stadt ein Zimmer
suchen? Hinter Ulm gäbe es dieses nette Hotel Garni in Gögglingen,
in dem ich letztes Jahr auf der Würzburgreise schon untergekommen
bin. Aber ich kann im Augenblick nicht abschätzen, ob ich das
heute noch schaffe.
Irgendwo
bei Günzburg treffe ich wieder auf den Donauradweg und werde
erneut in ein Waldgebiet gelotst. Wieder bremst die Wegbeschaffenheit
meine Fahrt. Zwei Radler überholen mich mit ihren Mountainbikes
im Affenzahn. Die haben gut lachen mit ihren breiten Reifen. Als
der Waldweg zur geteerten Strasse wird, stehen die beiden am Strassenrand
und ziehen sich ein Trikot über. Als sie mich erneut überholen,
weiss ich nicht, welcher Teufel mich gerade reitet, denn ich hänge
mich an ihre Fersen und versuche, ob ich mit ihnen mithalten kann.
Erstaunlicherweise bringt mir das nach den gut 80 gefahrenen Kilometern
nochmals einen Energieschub und wir treiben uns gegenseitig an und
auf Ulm zu. So geht's durch Unter- und Oberelchingen hindurch, wir
lassen Thalfingen hinter uns und ich bin erst wieder zu bremsen,
als in den Parkanlagen vor Ulm die Wege zu schmal werden und zu
belebt sind, um weiter mit diesem Tempo voran zu preschen. Die zwei
Radfahrer haben mir jedenfalls Kraft gegeben, um überhaupt
bis nach Ulm zu kommen, sonst hätte ich mir heute wohl schon
vorher eine Bleibe gesucht. Jedenfalls bin ich jetzt noch so aufgekratzt,
dass ich zwar kurz zum Knipsen anhalte, aber dann doch noch die
paar Kilometer bis nach Gögglingen in Angriff nehme, um im
"Wunschhotel" unter zu kommen. Prompt gibt's dort gerade
noch ein Zimmer für mich!
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Donnerstag,
9. 9. 2004 - Gögglingen bis Mühle Dietfurth, 106,5 km
Heute
geht's wie der Wind - kein Wunder, er bläst ja auch frisch
von hinten. Die ersten 30 Kilometer bis Munderkingen sind flach
und so kann ich einen Durchschnitt von 25 kmH fahren, ohne mich
sonderlich anstrengen zu müssen. Yippie
das macht Spass,
so schnell durch die Landschaft zu flitzen! Um meiner Freude Ausdruck
zu verleihen, singe ich lauthals "schnell wie ein Mofa"
nach der Melodie von "fly like an eagle" (Steve Miller
Band
70er Jahre
).
Kein
Wunder, dass ich bald in Munderkingen eintreffe. Kaffeepäuschen
fällig. Wahl-Heimatgefühle kommen auf, als ein schweizer
Radlerpaar am Nebentisch mit mir ein Gespräch beginnt. Die
beiden sind in der Gegenrichtung unterwegs und wir tauschen die
üblichen Infos aus: Streckenbeschaffenheit, Einkehrmöglichkeiten,
etc.
Zwischen
Munderkingen und Zwiefaltendorf wird meine Fahrt durch beständiges
Auf und Ab und eine für mich unlogische Wegführung gebremst,
dann ist es Zeit für einen Kleidungswechsel, kombiniert mit
der Sonnencrême-Prozedur. In Zwiefaltendorf träume ich
mich wieder mal an der richtigen Abzweigung vorbei und radle schnurstracks
in ein anderes Tal hinein, bis es mir endlich dämmert und ich
die Karte zu Rate ziehe. Aha
da lag der Hase im Pfeffer
Das Missgeschick wird behoben und schon bin ich wieder im flachen
Donautal unterwegs, der Rückenwind schiebt und schiebt und
es wird Zeit, mein kleines Liedchen nach einer anderen Melodie,
nämlich zu "I shot the Sheriff" zu intonieren:
"Schnell
wie ein Mofa - als wär es ziemlich auffrisiert
schnell
wie ein Mofa - dabei bin ich doch so untrainiert
yeeeahh
oooaaaah
"
Tja,
so vertreibt man sich beim Velofahren die Zeit! Dabei ist die Gegend
inzwischen wieder etwas interessanter geworden, ich fahre neben
saftigen Wiesen und durch kleine Wäldchen, muss mal wieder
den Fluss auf einer dieser nicht so sehr gemochten Eisenbahnbrücken
überqueren. In Riedlingen einverleibe ich mir Allgäuer
Käsespätzle. Für das Verdauen derselben benötigt
mein Gehirn anscheinend die gesamte zur Verfügung stehende
Kapazität, denn gleich nach dem Essen habe ich einen Blackout
und komme total sonderbar aus Riedlingen heraus: zwar leiten mich
die gelben Wegweiser, doch soll ich hier semi-illegalerweise über
ein Segelfluggelände radeln, komme immer weiter nach rechts,
also nach Norden, ins hügelige Umland, bis mir - ich habe keinen
blassen Schimmer wo mich die Beschilderung hinführt - in einem
Dorf names Heiligkreuztal der Kragen platzt und ich auf der Landstrasse
schräg zurück ins Donautal presche. Immerhin hat mich
dieser Umweg endlich zu einem Geldautomaten geführt, der meine
schweizer EC-Karte mag. Das ist immerhin etwas, denn heute morgen
in Munderkingen fühlte sich der dortige Geldspucker nicht zuständig
und verweigerte die Bearbeitung meines diesbezüglichen Gesuchs.
Wieder
solvent komme ich in Binzwangen an und gleite - windgetrieben, versteht
sich - nach Mengen. Hier kündet ein Schildchen von der geänderten
Wegführung für Radfahrer. Aha, jetzt muss man also mit
dem Schwerverkehr die Hauptstrasse entlang, anstatt wie früher
durch die Wohngebiete radeln zu können. Hat sich da wohl die
ortsansässige Wirtschaft beschwert, dass der Radtourist nicht
in die Innenstadt gelenkt wird? Dass
man in Scheer, ein paar Kilometer weiter, mit der "Kirch um's
Dorf" gelenkt wird, liegt hier an der geographischen Lage,
denn das Örtchen ist auf einem Felssporn erbaut, den die Donau
u-förmig umfliesst. Obendrauf thront ein Schlösschen.
Ich
bin im Anflug auf Sigmaringen, der Kilometerzähler zeigt mir,
dass ich auch heute nicht faul war und ich freue mich auf das Panorama
mit dem Hohenzollernschloss, das jetzt gleich vor mir auftauchen
wird. Leider verwehrt mir jedoch ein Maisfeld mit übermannshohem
Bewuchs die Sicht auf das Bauwerk. So bleibt die Kamera eben in
der Tasche und ich konzentriere mich von nun an auf die Zimmerfrage.
In Sigmaringen tut sich spontan keine Übernachtungsmöglichkeit
auf. Ein am Stadtrand gesichteter Wegweiser zum Hotel Fürstenhof
erscheint kein zweites Mal wieder und ein halbherzig geführter
Vorstoss in Richtung Innenstadt ist auch nicht von Erfolg gekrönt.
Immerhin fahre ich direkt am Schloss vorbei und versuche ein Foto
von schräg unten nach schräg oben. Dann der Campingplatz,
den ich von zwei Übernachtungen kenne, und schwupps liegt die
Stadt hinter mir. Eigentlich gäbe es nun einen malerischen
Flussabschnitt zu durchradeln, aber ich bin zu müde, um dieses
Naturschauspiel gebührend zu würdigen. So nehme ich die
nächste Übernachtungsmöglichkeit wahr: ein Zimmer
im Gasthof Mühle Dietfurth. Die schöne Gegend heb ich
mir für morgen auf...
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Freitag,
10. 9. 2004 - Mühle Dietfurth bis Tuttlingen, 50 km
Heute
Nacht soll es in Deutschland das erste Mal Nachtfrost gegeben haben.
Bei uns hier zwar nicht, aber so kalt wie heute morgen war es bisher
noch nie. Der letzte Reisetag ist angebrochen, bis Tuttingen will
ich noch fahren und von dort aus dann den Zug zurück nach Zürich
nehmen.
So
richtig Lust hab ich nicht, weder zum Weiterfahren noch zum Beenden
der Reise. Eine Reise ist immer so ein angenehmer Schwebezustand,
man ist fernab jeglicher Alltagssorgen, darf seinen Tag nach eigenen
Vorlieben gestalten und es herrscht kein Imperativ über allem
Im
Prinzip ist diese Fahrt durch's obere Donautal ein krönender
Abschluss, es ist eine landschaftlich sehr schöne Strecke.
Heute heisst es: ich bremse auch für Eichhörnchen! Denn
es ist eine stattliche Menge dieser possierlichen Tierchen am Wegesrand
mit der Futtersuche beschäftigt. Es ist eine dunkle, fast schwarze
Rasse und wenn sie mich bemerken, wissen sie nicht, in welche Richtung
sie flüchten sollen und neigen dann dazu, mir direkt vor's
Rad zu laufen. Unterwegs sehe ich noch einen Kleiber an einem Baumstamm
klettern und vielleicht einen - diesmal lebendigen - Fischadler
im Streit mit einer mutigen Krähe, bin mir aber nicht ganz
sicher, ob's nicht vielleicht doch "nur" ein Bussard ist.
Zwei
Pausen sind noch fällig, bevor ich durch ein langgestrecktes
Gewerbegebiet in die Tuttlinger Innenstadt radle, die Stadt selber
ganz durchmessen muss, bis ich endlich am anderen Ende den Bahnhof
finde. Sonderbare Stadt, die den Bahnhof nicht im Zentrum hat
Zweimal
muss ich umsteigen, bis ich wohlbehalten mit Kind und Kegel, sprich:
Streetmachine und Gepäck in Zürich ankomme. Im Laufe der
Zugfahrt hat sich der Himmel bewölkt und der Wetterbericht
kündigt ab morgen Wetterverschlechterung an
Glück
muss man haben...
Ach übrigens: es war eine schöne Reise!
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