Gestern haben wir uns vor dem Einschlafen noch für ein paar Minuten eine Musiksendung im TV angetan - Schlager und Volksmusik. Ich hab sowas seit Jahren nicht mehr gesehen und war richtig entsetzt ob der Hohlheit der Texte. Ich dachte immer, nur die Casting-Shows für die ganz Jungen, also "Deutschland sucht den Superstar" oder wie sie alle heissen, wären so schlimm! Aber die Kost für die Erwachsenen ist ja genauso übel...

Nun aber heute: es wird der stressigste und landschaftlich uninteressanteste Tag der ganzen Reise werden! Und auch ein gutes Beispiel dafür, dass ein Tag mit einer bestimmten Grundstimmung beginnen und mit einer völlig anderen enden kann!

Es bläst ein heftiger Wind aus Nordost und schiebt uns von Zeit zu Zeit ein bisschen voran. Ausserdem scheint die Sonne, das ist aber schon alles. Ich hab mich im Vorfeld sehr über die Fahrt entlang des Genfer Sees gefreut - vor allen Dingen, weil ich beim Thema "Genfer See" immer an die paar Bahnkilometer denke, die man, von Fribourg aus kommend Richtung Lausanne, hoch über den Weinbergen entlang fährt: dieser atemberaubende Blick über den See und die Weinberge und das Gebirgsmassiv am anderen Seeufer! Aber ich war wohl ein bisschen naiv, die vorherrschenden Wahrnehmungen des heutigen Tages sind die Auswirkungen bzw. Begleiterscheinungen des Verkehrs. Direkt am See führt die grosse Fernstrasse entlang, parallel versetzt dazu die Eisenbahnlinie und weitere stark befahrene Strassen. Hier eine schlüssige und flüssige Radroute zu finden, die auch noch den See und die kleinen Orte berührt, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. So führt unser Weg auch im Zickzack-Kurs unter Ausnutzung der Wirtschaftswege durch die Weinberge dahin. Alles ist hochtechnisiert, Starkstromleitungen prägen das Landschaftsbild. Der Verkehrslärm immer präsent. Einzig zu Beginn der heutigen Etappe, im Örtchen Allaman haben wir Zugang zum See und nach einem kleinen Anstieg einen Blick über denselben, der für eine Weile zum Träumen einlädt. Hier ist Autofahrerland und wir haben eigentlich nichts verloren. So machen wir heute einfach Strecke und um die Mittagszeit kommt, was kommen muss: wir haben eine Motivationskrise und rollen zum nächsten Bahnhof, um vielleicht mit dem Zug nach Genf zu fahren.

 

Dieses Unterfangen scheitert allerdings daran, dass wir an diesem verlassenen Bahnhof keine Fahrkarte für uns und die Räder bekommen: der Ticketautomat weigert sich, Kredit- oder Bankkarten oder eine Hundert-Franken-Note zu schlucken und genügend Kleingeld haben wir nicht parat. Schwarzfahren wollen wir auch nicht, ich will ja nicht schon wieder etwas Illegales tun…

Wir nehmen es als Wink des Schicksals und rollen langsam weiter. Eine Sportgaststätte kommt gerade recht und wir essen erstmal gehörig zu Mittag. Dann ist alles ein bisschen heiterer und wir suchen uns einen Weg westlich an Genf vorbei, um dem Stadtverkehr so gut es geht auszuweichen, was ganz gut funktioniert. Allmählich wird es Zeit, die heutige Etappe zu beenden und es wäre eigentlich wieder mal Campingplatz-Wetter, jedoch liegt die nächste Möglichkeit zum Zelten ausserhalb unserer heutigen Reichweite. Da kommt das Hinweisschild für ein Hotel namens "Domaine de Chateauvieux" wie gerufen! Zwar gilt es, auf dem Weg dorthin nochmals eine harsche Steigung zu überwinden, die uns nur zeigt, dass es für heute endgültig reicht, aber dann ist es geschafft. Das Hotel entpuppt sich wieder mal als Typ "umgebautes Herrenhaus" und wird unsere Reisekosten enorm in die Höhe treiben. Doch kommt uns heute dieser Luxus - angesichts der unschönen Tagestour - gerade recht, obgleich wir zwei verschwitzten Radler ziemlich mit dem noblen Ambiente hier kontrastieren. Egal! Wir werden freundlich aufgenommen, bekommen sogar ein Zimmer mit Blick über das Rhônetal und ein paar Minuten später sitzen wir mit einem Glas Bier bzw. Wein in der Badewanne, entspannen uns und freuen uns des Lebens. Leider ist das zum Hotel gehörende Restaurant ausgebucht, doch organisiert uns die rührige Dame an der Rezeption noch zwei Plätze im einzigen anderen Restaurant hier in der Nähe, und auch dort gibt es nur mehr zwei Plätze an der Bar. Als wir dort eintreffen, begrüsst uns der Wirt mit der Frage, ob wir wohl die zwei verrückten Radler mit dem einen "Velo pour dormir" auf dem Weg ans Mittelmeer wären…wir bejahen freudestrahlend! Es gibt unübertrefflich feines Lamm-Carrée und wenn es von der Grösse der Portion her betrachtet nach…äh…Nouvelle Cuisine aussieht (und es auch ist), entpuppt es sich als genau die richtige Menge. Die Stimmung dort am Tresen ist an diesem Abend hervorragend und wir kichern mit dem Personal.

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    Weingut am Wegesrand  
    Blick über den Genfer See  
    Nobel geht die Welt zugrunde...  
    Aussicht vom Hotelzimmer  
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